FROLICKING FISH: Unter Wasser lässt’s sich gut Stepptanzen – Silly Symphonies

Es gibt Meilensteine im Filmschaffen der Disney-Studios, die sich allgemeiner Bekanntheit erfreuen. Andere haben es immerhin unter Disney-Fans zu Berühmtheit geschafft. Und dann gibt es jene, die nahezu völlig obskur sind. Der Silly Symphonies Kurzfilm “Frolicking Fish” ist einer davon.

Man muss kein eingefleischter Fan sein, um zu wissen, was der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Disney-Studios war. Es reicht ein Grundinteresse an Filmgeschichte, um mitzubekommen, dass „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ die lange Riege der Disney-Trickproduktionen in Spielfilmlänge begründet hat.

Unter Disney-Fans genießen auch Filme wie „Flowers and Trees“ und „The Old Mill“ gesteigerten Ruhm, sind sie doch ebenfalls Meilensteine im Schaffen der weltbekannten Filmschmiede. Der Eine ist der erste dank des Technicolor-Verfahrens standardmäßig in Farbe produzierte Cartoon, der Andere ein riesiges Showcase für die Möglichkeiten der Multiplankamera, die es ermöglicht, Trickfilmen eine beeindruckende visuelle Tiefe zu verleihen.

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Doch es gibt Meilensteine, die kein derart griffiges Etikett wie „Der erste abendfüllende Zeichentrickfilm!“ oder „Disneys erster bunter Cartoon!“ aufweisen und daher in der Obskurität versinken.

Vor einigen Monaten stellte ich euch an dieser Stelle bereits eine Handvoll relevanter Disney-Kurzfilme aus der zweiten, dritten, wenn nicht sogar vierten Reihe vor. Dieses Mal widme ich mich einem einzelnen Film, dessen Hintergrundgeschichte euch nicht nur den Mann hinter der Marke Walt Disney näher bringt, sondern hoffentlich auch euer Interesse für das Kino der Schwarz-Weiß-Ära schürt. Vor allem aber zeigt dieser auf dem ersten Blick völlig unscheinbare Kurzfilm, welch komplexe, von zahlreichen Talenten gemeinschaftlich getragene Kunstform Animation ist.

Die Rede ist von „Frolicking Fish“ aus dem Jahr 1930.

Fische und Hummer in Walt Disneys Silly Symphony Kurzfilm "Frolicking Fish"
Unter dem Meer… unter dem Meer! Stepptanzende Fische, swingende Hummer, grünstichig gegen Kummer: Unter dem Meer! © Disney

Grünstichiges Wasser

Dass Filme ausschließlich Schwarz-Weiß waren, bevor sich der Farbfilm durchgesetzt hat, ist ein Paradebeispiel für Fehlwissen, das sich mit fortlaufender Zeit vermehrt in den Köpfen festsetzt. So gab es Filmschaffende, die jede einzelne Kopie ihres in Schwarz und Weiß gedrehten Films von Hand nachkolorieren ließen. Weiter verbreitet war aber der Prozess der Tonung, auch bekannt als Viragierung oder Tinting: Das monochrome Filmmaterial wird im Herstellungsprozess durch ein Färbemittel in der Emulsion manipuliert, dass ein neuer Kontrast entsteht. Schwarz-Rot beispielsweise, oder Schwarz-Blau.

Die Disney-Studios griffen vergleichsweise selten auf Tinting zurück, doch der Silly-Symphony-Cartoon „Frolicking Fish“ ist eine der Ausnahmen: Der unter Wasser spielende Kurzfilm erschien ursprünglich mit einer grünen Tonung, was sich dem damaligen Publikum problemlos erschloss, aufgrund verlernter Filmsprache allerdings heutzutage die Frage aufwerfen dürfte: „Wieso ist der Unterwasserfilm Grün und nicht etwa Blau?“

Nun, die Antwort ist ganz simpel: Als Tinting alltäglich war, entwickelte sich ein unausgesprochenes Regelbuch, welche Farbtöne was symbolisieren. Unter anderem steht gelbe Tonung gemeinhin für sonnige Outdoor-Szenen und blaue Tonung für dunkle Nächte im Freien. Das seltener vorkommende Konzept der Unterwassersequenz musste sich daher mit Grün zufrieden geben – selbst, wenn es jedem Filmschaffenden frei stand, gegen den unausgesprochenen Tinting-Kodex zu verstoßen, war es einfacher, sich schlicht daran zu halten. Doch „Frolicking Fish“ (in Deutschland auch bekannt als „Kabarett Untersee“) ist aus einem weiteren Grund von disneyhistorischer Relevanz…

Szene aus Disneys Frolicking Fish
Froh und munter, geht’s drüber und drunter… unter dem Meer! © Disney

Zeitdruck, Erfolgsdruck, flossiger Fortschritt

Im Januar 1930 verließ Micky-Maus-Mitschöpfer Ub Iwerks die Disney-Studios, und somit ein enger Freund Walt Disneys, der darüber hinaus einer seiner emsigsten und talentiertesten Mitarbeiter war. Iwerks warb darüber hinaus ein paar Disney-Mitarbeiter für seine neue Arbeitsstätte ab. Der (später gekittete) Bruch mit Iwerks und das tröpfelnde Abwandern einzelner Mitglieder der Studiobelegschaft bremsten Produktionsabläufe aus. Auch die eifrige Suche nach Ersatz brachte mit sich, dass in den Disney-Studios vorübergehend Arbeit liegen blieb.

Walt Disney stand daher doppelt unter Druck: Er hatte Verträge mit seinem Vertriebspartner zu erfüllen. Ein Ziel, das durch den Wegfall des ebenso erfahrenen wie turboschnell arbeitenden Iwerks in Frage geriet. Gleichwohl wollte Disney vermeiden, dass der nächste Schub an Cartoons durch hastige Arbeit zwar versprochene Termine einhält, aber wie geschludert wirken. Walt Disney verspürte Ehrgeiz, durch Top-Qualität zu beweisen, dass in seinem Studio weiterhin alles nach Plan läuft.

So kam es zu einer Phase, in der Walt Disney den Kontrollzwang an den Tag legte, der in Biografien zuweilen als Disney-Alltag dargestellt wird. Einer der Filme, bei denen sich Walt Disneys Perfektionsdrang ausdrücklich äußerte, ist „Frolicking Fish“: Der Produzent beäugte die Arbeit seiner Zeichencrew mit gesteigerter Strenge und höherer Leistungserwartung als gewohnt. Er trieb sie an, den erzählerisch nach Schema F entworfenen Kurzfilm durch herausragende Animation aufzuwerten.

Eine Obsession, die sich herauskristallisierte, war Walt Disneys Wunsch, dass sich die Figuren glaubhafter und denkwürdiger bewegen sollten. Es war der wenige Monate zuvor von Paul Terrys Trickreihe „Aesop’s Fables“ abgeworbene Zeichner Norm Ferguson, dem es zuerst gelang, diese Erwartung auf zufriedenstellende Weise umzusetzen. Ferguson, der später die Stundentanz-Episode in „Fantasia“ verantworten sollte und seinen Blick für beschwingt tanzende Trickfiguren bei „Drei Caballeros“ perfektionierte, war mit einer Sequenz beauftragt, in der ein Fisch-Trio mit seinen Flossen einen Soft Shoe Dance imitiert, der wiederum eine besondere Form des Stepptanzes ist.

Soft Shoe Dance
Norm Fergusons fischiger Soft Shoe Dance, der Walt Disney begeisterte © Disney

In seinen Zeichnungen verlieh Ferguson den Fischen eine beeindruckende, zu diesem Zeitpunkt nahezu beispiellose Geschmeidigkeit, weshalb Walt Disney sie seinem restlichen Team als zu studierendes Referenzmaterial vorlegte. Fergusons Technik, durch die Figuren vermeintlich fließend eine Bewegung ausführen und dann, während diese ausklingt, mit der nächsten beginnen, wurde intern als „Follow-thru“, „Moving Holds“ oder auch „Overlapping Action“ bekannt.

Sie basierte lose auf Überlegungen und Stilistiken, die in Fergusons vorheriger Studioheimat angestrebt wurden, und sollte durch stetiges Weiterentwickeln Disney-Standard werden. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass sich unterschiedliche Körperteile mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegen, weshalb sich verschiedene Animationszyklen gegebenenfalls überlappen. Vereinfacht gesagt: Ferguson imitierte die kleinen Imperfektionen des wahren Lebens.

Krake in Frolicking Fish
Acht Arme und ein fieses Grinsen: Der Kritikerliebling! © Disney

Auch Walt Disney versäumte Deadlines

„Frolicking Fish“ führte die Disney-Trickstudios zwar einen Schritt weiter von ihren zeichenstilistischen Ursprüngen fort und brachte sie näher an Charakteranimationsstandards, mit der wir sie seit vielen Jahrzehnten gemeinhin assoziieren. Eines konnten die Filmschaffenden allerdings nicht vermeiden : Wie einige weitere Disney-Cartoons aus dem Jahr 1930, verschob sich auch „Frolicking Fish. Ursprünglich für den 8. Mai 1930 angekündigt, kam der Kurzfilm aufgrund der durch Iwerks’ Weggang ausgelösten Produktionsverzögerungen erst am 19. Juli 1930 erstmals auf die Leinwand.

Obwohl die Premiere somit ein halbes Jahr nach Iwerks’ Abschied stattfand, beinhaltete der fertige Film Spurenelemente der Ära vor dieser die Disney-Studios beeinflussenden Zäsur – noch dazu an prominenter Stelle! Die allerletzte Einstellung von „Frolicking Fish“ wurde laut Cartoon Research durch Merle Gilson animiert, einem der Zeichner, die Iwerks’ Ruf gefolgt sind und die Disney-Studios verließen.

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Was Disney getröstet haben dürfte: Die zeitgenössischen Kritiken waren weitestgehend wohlwollend gegenüber „Frolicking Fish“, wenngleich in variierender Intensität: „The Film Daily“ nannte den Kurzfilm einen der bis dahin besten Cartoons der „Silly Symphony“-Reihe und berichtete von einem durchweg kichernden Publikum, „Motion Picture News“ hingegen berichtete von einer ruhigen Vorführung und mutmaßte deshalb, dass das Publikum von Cartoons dieser Art gesättigt sei, ungeachtet ihrer Qualität.

Das Branchenblatt „Variety“ unterdessen nannte „Frolicking Fish“ unterhaltsam. Star der zeitgenössischen Kritik war allerdings der schurkische Oktopus, der gelegentlich das frohe Fischkabarett unterbricht – nicht etwa Fergusons Fisch-Trio, das dank seiner Einführung einer neuen Animationsmethodik bei zurückblickenden Besprechungen im Fokus steht. Tja. Dass Schurken die Show stehlen, sollte ja auch so etwas wie eine Disney-Tradition werden…

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