15 Jahre Hong Kong Disneyland

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Am 12. September 2005 eröffnete Hong Kong Disneyland – und hatte da schon eine turbulente Geschichte mit einer Reihe Enttäuschungen im Gepäck. Die folgenden Jahre setzten den Mix an Höhen und Tiefen fort. Und in diesem krisenreichen Jahr 2020 stehen hinter der Zukunft des Hong Kong Disney Resorts immer größere Fragezeichen. Dabei würde man diesen sympathischen Park mit ganz viel Charme so gerne von Herzen alles Gute und eine glückliche Zukunft wünschen. Doch beginnen wir mal ganz am Anfang…

Disney geht nach China

1997 gaben die Briten nach 156-jähriger Kolonialherrschaft die Stadt Hongkong und seine umliegenden Territorien an China zurück. Im selben Jahr erschütterte eine schwere Wirtschaftskrise Südostasien, die auch Hongkong schmerzlich traf.

Hongkong musste sich neu erfinden. Die Stadtregierung schlug den Weg ein, sich langfristig als internationale Metropole zu positionieren; als Angelpunkt zwischen China und der Welt. Neben einem weltweit bedeutenden Handelsplatz sollte vor allem auch der Tourismus Kern dieser Strategie sein.

Die Walt Disney Company war zu jener Zeit äußerst interessiert, international weitere Märkte zu erschließen. An China als nächsten logischen Schritt hatte man bereits während des Baus von Euro Disney gedacht. Das Potenzial einer wachsenden Mittelschicht in dem sich gerade erst öffnenden Riesenland war extrem verlocken – nicht nur für Disney. 1998 machte Disney seine Absicht öffentlich, sein nächstes Themenpark-Resort in Hongkong errichten zu wollen. Die Hongkonger Regierung zeigte sich begeistert und auch unter der Bevölkerung stieß die Idee eines eigenen Disneylands auf überwältigende Unterstützung. Diesen Enthusiasmus wusste die Walt Disney Company für sich zu nutzen. 

Die offiziellen Verhandlungen zwischen Disney und Hongkongs Regierung sollten sich bis Herbst 1999 ziehen. Anfang November stand schließlich die Vereinbarung: Hongkong selbst – und damit die öffentliche Hand – würde den Großteil der Baukosten übernehmen. Disney sollte Managementexpertise, kreative Gestaltung und seinen riesigen Fundus an Charakteren und Geschichten beisteuern. Mehrheitseigentümer ist bis heute mit 53% die Stadt Hongkong, die restlichen 47% entfallen auf die Walt Disney Company. Damit hatte Disney einen sehr vorteilhaften Deal mit wenigen Risiken verhandelt. Aber auch Hongkongs Politiker waren zufrieden, hatten sie doch zehntausende Arbeitsplätze, einen Weltklasse-Themenpark und Micky Maus und Co. in ihre Stadt geholt. Was sollte da schief gehen?
Einiges.

Der neue Park nimmt Gestalt an

Mitte der 1990er Jahre war Disney in einem schizophrenen Zustand: Das Unternehmen war weiterhin auf Erfolgskurs und war dabei, den amerikanischen Fernsehsender ABC und dessen Tochterfirmen zu übernehmen. Zahlreiche neue Themenparks, Hotels, Kreuzfahrtschiffe und sogar neue Formen von Entertainment Centern standen in den Startlöchern. Doch der kolossale Fehlstart und die Fast-Pleite von Euro Disney hatte die gesamte Company erschüttert. Der plötzliche Unfalltod 1994 von Disneys President Frank Wells ließ Disneys CEO Michael Eisner ohne seinen wichtigsten Partner und auch etwas richtungslos zurück. Kreativer Ehrgeiz trat in den Hintergrund. Kosten-/Nutzenrechnungen übernahmen die Führung. Neue Parks sollten nur noch ein Bruchteil dessen kosten, was in Epcot oder EuroDisneyland / Disneyland Paris geflossen war. Es folgten also eine Reihe von zu kleinen und / oder thematisch fast lieblos gestalteten Parks: Disney’s Animal Kingdom (1998), Disney’s California Adventure (2001), Walt Disney Studios Park (2002) und schließlich Hong Kong Disneyland.

Für Hong Kong Disneyland rechnete man von Anfang mit vergleichsweise bescheidenen Besucherzahlen. Für das erste Jahr erwartete Disney 5 bis 6 Millionen Besucher. Und doch blitzten in der Vereinbarung mit der Hongkonger Stadtregierung ambitionierte Pläne hervor: Neben einem Magic Kingdom Themenpark sollte das Resort seinen Gästen mehrere Hotels und ein eigenes Downtown Disney / Disney Village mit Restaurants, Shops und Unterhaltung bieten. Bis 2020 war zudem ein zweiter Themenpark vorgesehen – von dem wir heute noch weit entfernt sind.

Erste Gerüchte und Ideen zu Attraktionen kursierten auf den Disney-Foren und -Fanseiten der Zeit. Diese versprachen einen deutlich anderen Disneyland Park: Neben Main Street, Tomorrowland und Fantasyland sollten Adventureland und Frontierland zu einem verschmelzen. Auch von einem Toontown-Bereich war zu lesen. Online tauchte auch eine vage Konzeptzeichnung zu einem Dinosaurier-Ride auf, was zu wilden Spekulationen einlud, aber von Disney nie weiter kommentiert wurde. Offiziell blieb Disney lange stumm. Was entstand da also in Hongkong?

Kopien statt kreativer Ideen 

Für Hong Kong Disneyland wurde extra Land aufgeschüttet – eine Baupraxis, mit dem man im dicht besiedelten Hongkong reichlich Erfahrung hatte. Das Resort entstand vor der Insel Lantau, auf der 1998 der neue Internationale Flughafen eröffnete. Eine Autobahnbrücke verband die Insel mit dem Zentrum der Stadt. Eine Bahnlinie sollte das Resort mit dem bestehenden Nahverkehrsnetz verknüpfen. Außerdem ließ man ein eigenes Fährterminal errichten. Die öffentliche Hand investierte kräftig in das Hong Kong Disney Resort.

2003 begannen die Bauarbeiten am Disneyland Park. Dieser sollte deutlich weniger ambitioniert und damit günstiger als Disneyland Paris ausfallen. Disney plante für die Phase 1 des Parks nur eine Handvoll an Fahrgeschäften – und diese waren fast hundertprozentige Kopien von bestehenden Attraktionen. Originalität sah Disney für Hongkong nur in geringen Dosen vor. Main Street, U.S.A. und selbst das Sleeping Beauty Castle waren im Großen und Ganzen identisch mit dem, was Gäste im kalifornischen Disneyland vorfanden. Disney nannte dies eine „Hommage“ an den Original-Park. Zweifellos war diese Hommage auch verhältnismäßig günstig zu errichten. Selbst die im Park gezeigten Shows stammten aus anderen Disney Resorts und der Disney Cruise Line. Für die tägliche Parade wurden Festwägen aus Tokyo Disneyland wiederverwertet. 

Sleeping Beauty Castle in Hong Kong Disneyland (2017)

Das Tragische: Hong Kong Disneyland war im Gegensatz zum Beispiel zu den Walt Disney Studios in Paris von Anfang an ein charmanter Park – und mit den tiefgrünen Bergen im Hintergrund sicherlich der landschaftlich spektakulärste. Aber: Er war klein und bot nur wenige Attraktionen. Aufwendige Rides wie Pirates of the Caribbean oder Phantom Manor, bei denen Disney seine stärken als Geschichtenerzähler ausspielen konnte, fehlten völlig. Die Tiefe an Details und Storytelling, die nur wenige Jahre zuvor Disneyland Paris, Disney’s Animal Kingdom und Tokyo DisneySea so auszeichneten, fehlten nahezu völlig. Zwar hatte Disney öffentlichkeitswirksam zur Planung des Parks einen Feng Shui Meister hinzugezogen, aber dafür deutlich am Unterhaltungsangebot gespart. Zwei Hotels entstanden – das Disneyland Hotel und Disney’s Hollywood Hotel. Doch auf den 1999 vereinbarte Downtown Disney / Disney Village Bereich mit Restaurants und Shops warten wir bis heute.

Ein enttäuschender Anfang

Der Eröffnungstag rückte näher und Disney unterlief eine Reihe an Publicity-Fehlern. Umweltverbände kritisierten, dass Hong Kong Disneyland veraltete Feuerwerkskörper für seine abendlichen Shows verwenden wollte – während es doch bereits umweltverträglichere Alternativen gab (die Disney andernorts auch schon verwendete). Bei einer weiteren PR-Krise machte Disney ebenfalls keine gute Figur: Disney hatte vor, in seinem Resort Haifischflossensuppe anzubieten – ein traditionelles chinesisches Gericht, das vor allem zu Hochzeiten gegessen wird. Die Flossen werden hierfür häufig den Haien lebend abgeschnitten und die Tiere zum Sterben zurück ins Meer geworfen. Disney machte nur halbherzige Rückzieher bis es hieß, das Gericht solle gar nicht auf die Speisekarten des Resorts kommen. 

Jede dieser Fehler war für sich einzeln genommen noch keine Katastrophe, doch solche Berichte begannen sich zu häufen. Gleichzeitig stieß negativ auf, dass Disney weiter sehr öffentlich die Absicht weiterverfolgte, einen weiteren Disney Park auf dem chinesischen Festland zu errichten. Shanghai war dabei der Top-Kandidat. 

Anfang September 2005 lud Hong Kong Disneyland als „Generalprobe“ zu einer Preview ein. Über 30.000 Gäste kamen – und der Park mit seinem geringen Angebot an Fahrgeschäften und ungeübt im Betrieb ging in die Knie. Kein gutes Omen. Dieses Desaster wiederholte sich zwar nicht zu der feierlichen Eröffnung von Hong Kong Disneyland am 12. September 2005 (ein Datum, das ebenfalls mit Hilfe eines Feng Shui Meisters gewählt worden war). Doch wenige Monate später, Anfang 2006, boten sich zum Chinesischen Neujahrsfest ähnliche Bilder: Der Park war voll und tausenden Gästen mit gültigen Tickets musste der Zutritt verwehrt werden. Es kam zu randaleartigen Szenen vor dem Eingang, welche Fernsehkameras einfingen. Disney musste sich öffentlich entschuldigen.

Wenige Jahre zuvor war Disney in Hongkong mit offenen Armen und großem Enthusiasmus begrüßt worden. Kurz nach Eröffnung von Hong Kong Disneyland war davon kaum noch etwas übrig. Die Menschen Hongkongs waren enttäuscht vom mageren Angebot und von der mangelnden Originalität des Parks. Sie begriffen ein zweitklassiges Disneyland bekommen zu haben. Das Hong Kong Disney Resort konnte so auch eine der zentralen Hoffnungen der Stadtregierung nicht erfüllen: Touristen nach Hongkong zu locken. 

Zur selben Zeit wurde auch deutlich, dass die Walt Disney Company wieder ihren Blick nordwärts richtete zu Hongkongs großen Rivalen: Shanghai… 

Der Park erfindet sich neu

Wie kommen wir nun von diesem Punkt zu einem Happy End? Achtung, Spoiler: Auf dieses müssen wir weiter hoffen…

Schon kurz nach der Eröffnung fielen die Besucherzahlen auf deutlich unter 5 Millionen pro Jahr. Damit war Hong Kong Disneyland nicht nur das am schwächsten besuchte Magic Kingdom überhaupt, sondern wurde sogar noch vom lokalen Konkurrenten Ocean Park geschlagen. Verluste häuften sich. Es blieb nur die Flucht nach vorn: In Zusammenarbeit mit der Hongkonger Stadtregierung begann Disney, das Angebot von Hong Kong Disneyland mit neuen Attraktionen und Themenbereichen zu erweitern. 2008 eröffnete it’s a small world und 2010 das Toy Story Land mit den gleichen Fahrgeschäften wie im Walt Disney Studios Park. Daraufhin folgten mehrere große und vor allem einzigartige Attraktionen: Seit 2012 können Gäste in Grizzly Gulch mit dem Big Grizzly Mountain eine gelungene Neu-Interpration von Big Thunder Mountain erleben. 2013 öffnete Mystic Manor seine Pforten und gilt seitdem für viele als einer der besten Dark Rides weltweit. Die Besucherzahlen kletterten auf über 7 Millionen pro Jahr und das Resort schrieb endlich schwarze Zahlen.

2014 bekam Hong Kong Disneyland mit Paint the Night eine atemberaubende Lichterparade. 2017 zog Marvel mit der Simulator-Attraktion Iron Man Experience in Tomorrowland ein – ein Zeichen der Dinge, die noch kommen sollen…

Wird so eines Tages der komplette Marvel-Bereich in Hong Kong Disneyland aussehen?
© Disney

Im selben Jahr kündigte Disney an, weiter in Hong Kong Disneyland investieren zu wollen: die Buzz Lightyear Astro Blasters sollten zu einem weiteren Marvel Ride werden, dem Ant-Man and The Wasp: Nano Battle!, der 2019 eröffnete. Ein eigenes Frozen-Land basierend auf Disneys „Die Eiskönigin“ soll folgen. Die Marvel-Präsenz im Park soll schließlich mit einer Großattraktion gekrönt werden, die vermutlich den Avengers gewidmet ist, aber von der sonst noch nicht viel bekannt ist. 2017 eröffnete mit der Explorers Lodge das dritte Hotel des Resorts.

Das deutlichste Zeichen, dass sich Hong Kong Disneyland neu erfindet ist sicherlich das Schloss: War Sleeping Beauty Castle eine reine Kopie, hatte sich Disney in einem nie zuvor da gewesenen Schritt entschlossen, genau dieses Schloss völlig neu zu gestalten. Gerade mit Blick auf das riesige Enchanted Storybook Castle in Shanghai Disneyland ist dieser Schritt zu bewerten. Hong Kong Disneyland bekommt eine klare, eigene Identität – die gegen den jüngeren und doch größeren Bruder in Shanghai bestehen kann. 

Noch in diesem Jahr soll das Castle of Magical Dreams eingeweiht werden. Und das war eigentlich pünktlich zum 12. September, dem 15. Geburtstag von Hong Kong Disneyland vorgesehen…

Und jetzt…?

Schon 2019 brachen für Hong Kong Disneyland stürmische Zeiten an. Die Proteste gegen die Stadtregierung, die immer gehorsamer – und brutaler – den Machthabern in Peking folgten und Stück für Stück Freiheiten beschnitt, ließen Besucherzahlen sinken. Ausländische Besucher*innen und Gäste aus dem chinesischen Festland blieben fern. Ende 2019 trat schließlich im chinesischen Wuhan das Coronavirus zum ersten Mal auf. Am 26. Januar schloss Hong Kong Disneyland genauso wie Shanghai Disneyland auf Grund der sich weiter ausbreitenden Covid-19-Pandemie. Knapp fünf Monate später eröffnete Hong Kong Disneyland mit neuen Sicherheitsbestimmungen wieder – nur um wenige Wochen später, am 15. Juli, angesichts erneut steigender Covid-19-Fälle in Hongkong wieder schließen zu müssen. Eine Wiedereröffnung ist weiterhin nicht in Sicht.

Es ist nahezu unmöglich zu sagen, was das für die Zukunft bedeutet. Bis vor Kurzem war Hong Kong Disneyland auf einem guten und vielversprechenden Kurs. Der Park bezaubert mit sehr viel Charme und die Erweiterungen der letzten Jahre zeugten von viel Kreativität und Einzigartigkeit. Das Land für einen zweiten Themenpark ist bereits aufgeschüttet. Genauso wie der Grund für weitere Hotels. 

Die weltweite Pandemie und die dramatischen politischen Entwicklungen in Hongkong erschweren massiv, dass Hong Kong Disneyland endlich seinen verdienten Platz als vollwertiges, höchstoriginelles Disney Resort einnehmen kann. Das überarbeite Schloss ist so gut wie schlüsselfertig, die Bauarbeiten für das Frozen-Land gehen weiter. Darüberhinaus bleibt uns der Blick in die Kristallkugel verwehrt.

Happy Birthday Hong Kong Disneyland. Mögen deine Tore bald wieder öffnen und sei dir eine glückliche Zukunft vergönnt. Nach all den Anstrengungen der letzten Jahre hast du dir das mehr als verdient…

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