Walts Whisky: Der Mann, sein Geschmack und sein Drink

In seinem Gastbeitrag zelebriert Sidney das Disney-Central-Jubiläum auf eine Weise, die Walt Disney gewiss gefallen hätte: Mit einem Scotch Mist.

Walt Disney war vieles: Ein Nostalgiker. Ein Visionär. Ein gewiefter Unternehmer. Ein Naturtalent darin, bewegende Geschichten zu erzählen. Ein Mann, der während des Ersten Weltkriegs falsche Angaben über sein Alter gemacht hat, damit er für das Rote Kreuz in Frankreich tätig sein kann. Ein Produkt seiner Zeit – sowie ein riesiger Einfluss auf unsere Kultur. Und er war ein Mann mit Lastern.

Dass Walt Disney notorischer Raucher war, dürfte trotz jahrzehntelanger Imagepflege landläufig bekannt sein. Nicht ganz so weit verbreitet, wenngleich kein streng gehütetes Geheimnis, ist Walt Disneys Begeisterung für Hochprozentiges: Kaum ein Arbeitstag verging, ohne dass Walt Disney den Feierabend mit einem Glas Alkohol eingeläutet hat.

Zur Feier des einjährigen Jubiläums des Disney-Central-Relaunchs möchten wir an dieser Stelle den Pfad des Üblichen verlassen, um uns in feierlicher (und selbstredend verantwortungsbewusster!) Laune einem Stück authentischer Walt-Disney-Erfahrung hinzugeben. Somit wollen wir dem Mann, der das Disney-Imperium begründete, Tribut zollen. Und allen Neugierigen eine Antwort auf die brennende Frage geben: „Wie schmeckt eigentlich ein waschechter Walt-Disney-Feierabend?“

Walt Disney und eine Tasse Kaffee (die im Disneyland seiner Ansicht nach nicht mehr als 10 Cent kosten sollte) © Disney
Walt Disney und eine Tasse Kaffee (die im Disneyland seiner Ansicht nach nicht mehr als 10 Cent kosten sollte) © Disney

Der Mann hinter der Maus – und sein Geschmack

Walt Disneys Interessen waren eine Ansammlung sich ergänzender Widersprüche: Einerseits ein Liebhaber romantisch-nostalgischer Kleinstadt-Americana, andererseits interessiert an Großstadt-Zukunftsvisionen. Auf der einen Seite hatte Walt Disney eine Begeisterung für die hohen Künste. Nicht grundlos wurden zahlreiche Museumsausstellungen und Kunstbücher mit den Einflüssen gefüllt, die angesehene europäische Kunstschaffende auf die Arbeit der Disney-Studios hatten. Walt Disney ermunterte seine Zeichner wiederholt, sich weiterzubilden, und er selbst strebte bekanntlich eine Zusammenarbeit mit dem Surrealisten Salvador Dalí an.

Andererseits ist ebenso bekannt, wie Walt Disney dem „Das Dschungelbuch“-Storyteam geraten hat, die Buchvorlage wegzuwerfen, und dass Disney mit dem Bildungsbürgertum zuweilen auf Kriegsfuß stand. 1938 etwa nahm er dankend einen Ehrentitel der Harvard-Universität an – ulkte in seiner Rede jedoch herum, indem er eine mitgebrachte Donald-Duck-Plüschfigur ironisch grinsend fragte: „Donald, denkst du, dieser Bildungsgrad wird uns noch zur Last fallen, und unseren Untergang darstellen?“

Zwei Jahre später musste „Fantasia“ von der zeitgenössischen Kritik Schelten hinnehmen, weil es manchen Kenner:innen der Klassischen Musik nicht zusagte, wie viele (für damalige Ohren) populäre, gängige (böse gesagt: triviale) Stücke im Film repräsentiert sind, im Vergleich zu Stücken aus der Avantgarde innerhalb der Klassik. Und laut Richard Schickel bekleckerte sich Walt Disney auf der „Fantasia“-Premiere nicht gerade mit Ruhm, als er die Aussage tätigte: „Damit wird Beethoven berühmt werden!“ Ein Anzeichen dafür, dass Walt Disney zwar ein Gespür für Können hatte, aber mitunter ignorant durch’s Leben schritt.

So keck-spielerisch Disneys Harvard-Dankesrede noch war, führte der zeitgenössische „Fantasia“-Misserfolg an der Kasse sowie bei der Kritik zu einem (zeitweiligen) Bruch zwischen Walt und dem Kunstbegriff. Und somit zu einem Wendepunkt in Walt Disneys Selbstdarstellung: In den Vorjahren war er ein die Aufmerksamkeit genießender Liebling der Filmkritik, der dafür gefeiert wurde, wie er sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat, um beeindruckende Kunst zu liefern, die gleichwohl das breite Publikum in seinen Bann zieht.

Walt Disney nimmt in Begleitung von Donald Duck, drei Zwergen und zwei Mäusen seinen Harvard-Ehrentitel an. © Disney
Walt Disney nimmt in Begleitung von Donald Duck, drei Zwergen und zwei Mäusen seinen Harvard-Ehrentitel an. © Disney

Nach „Fantasia“ distanzierte sich Walt einige Jahre lang von jeglicher Assoziation mit dem Bildungsbürgertum, um stattdessen stärker seine schlichte Herkunft zu betonen. Er wollte wieder als der Mann aus dem Mittleren Westen der USA wahrgenommen werden, der keinen High-School-Abschluss hatte und sich bloß als Teil des Massenpublikums sieht. So zitiert Robert Durant Feild in „The Art of Walt Disney“ eine Aussage Disneys aus dem Jahr 1942: „Tatsächlich habe ich mich manchmal sogar selbst dabei ertappt, das Wort ‘Kultur’ oder ‘Bildung’ mit Argwohn zu betrachten – für mich scheint es einen unamerikanischen Beiklang zu haben – irgendwie versnobt und affektiert –, so als ob es der Ansicht wäre, es sei besser als die anderen.“

In diesem Monolog über Kunst und Bildung kommt Disney nach einigem Ringen zum Entschluss, er sei in diesen Augenblicken zu voreilig, und befindet letztlich: „Ich glaube, ein Mensch wird gebildet, indem er das Gute und Schöne im Leben auswählt.“ Dessen ungeachtet ist dies ein anderer Walt Disney als der geschmeichelte Kritikerliebling aus den „Fantasia“-Vorjahren. Und auch ein anderer, als der „Onkel Walt“ aus jenen Jahren, in denen er in seinen Fernsehshows zwar sehr nahbar und familiär auftrat, jedoch auch wiederholt seine Sendezeit für kurzweilige Wissensbeiträge nutzte, somit quasi wieder Frieden mit Anspruch, Kultur und Bildung schloss.

Diese Dualität zog sich auch durch Walt Disneys Vorstellungen und Vorlieben hinsichtlich Speisen und Getränken. So hatte die Kantine der Walt Disney Studios einen sehr guten Ruf, da es Disney wichtig war, seiner Belegschaft (und später auch Besucher:innen und Geschäftspartner:innen) hohe Qualität zu bieten. Gleichwohl waren Disneys eigene Vorlieben simpel – seine absolute Lieblingsspeise am Arbeitsplatz war ein Chili con Carne, dessen Rezept denkbar simpel war: Es war die Vermischung der Dosenchilis zweier verschiedener Marken.

Daheim rieb er sich häufig mit seiner Gattin Lillian, die wiederholt versuchte, ihm erlesenere, aufwändigere Speisen (und mehr Gemüse) anzugewöhnen – während er einen simpleren (gemeinere Zungen würden sagen: „kindischeren“) Geschmack hegte. Zu seinen Lieblings-Nachspeisen zählten beispielsweise amerikanischer Apfelkuchen, Lemon Meringue Pie (eine Zitronencreme-Torte mit Baiserhaube), sowie Kuchen mit Boysenbeere, einer Kreuzung aus einer Brombeerart und der Loganbeere. Die stand kurz davor, in Vergessenheit zu geraten, bevor sich der Farmer (und Betreiber des Disneyland-Quasinachbarn Knott’s Berry Farm) Walter Knott dafür stark machte, sie wieder zu popularisieren. Diese Welt ist klein, so klein ..!

Sahniger Nachtisch in der Disney-Studiokantine. © Disney
Sahniger Nachtisch in der Disney-Studiokantine. © Disney

Diane Disney Miller sollte die Essgewohnheiten ihres Vaters Walt später wie folgt erklären: „Vor seiner Hochzeit aß Vater viele Jahre lang in Imbissen und an Imbisswagen, um Geld zu sparen, so dass er letztlich einen Imbiss-/Imbisswagengeschmack entwickelte.“ Daher zog er Burger, Pommes, Hashbrowns, simple Sandwiches, Dosensuppen, Eintöpfe oder Mac’n’Cheese und Dosenerbsen teurerem Fleisch und frischem Gemüse vor.

Ein Notizzettel der späteren Disney-Haushälterin Thelma Howard (1951 eingestellt, blieb sie bis 1981 bei der Disney-Familie) mit Speisen, die Walt Disney mag, umfasst zwar auch Lammbraten und panierte Kalbskoteletts – es gibt also Anzeichen dafür, dass er über die Jahrzehnte hinweg ein wenig vom reinen Imbisswagen-Gaumen weggelockt werden konnte. Dennoch waren seine kulinarischen Vorlieben deutlich näher an dem, was man vom „einfachen Publikum“ in den USA seiner Zeit erwarten würde, und nicht etwa am extravaganten Geschmack vieler anderer Hollywood-Erfolgsmänner aus Disneys Lebzeiten. Jedenfalls außerhalb der Welt des Lasters.

1 Dubonnet, 1 Brandy, 2 Wolfschmidt Vodka, 2 Beefeaters Gin, 3 Yellowstone Bourbon, 6 Black & White Scotch, 1 Harvey's Bristol Cream, 12 Canada Dry Club Soda Small, 12 Coca Cola, 12 7-Up, 6 Canada Dry Quinine Tonic Water Small, 6 Cans Miller's High Life, 12 Small Cans V-8 Juice, Peanuts and Assorted Nuts
Disneys Wunschvorräte für sein Apartment im Disneyland (aus: „Eat Like Walt: The Wonderful World of Disney Food“)

Das liebe Laster

Während Walt Disney mit einer großen Selbstverständlichkeit zu seinen Leibspeisen stand, hielt er mit anderen Genüssen hinterm Berg: Als Amerikas Geschichten erzählender Onkel, der von der ganzen Familie geliebt wird, wollte er nicht mit Lastern wie Tabak und Alkohol in Verbindung gebracht werden. So ließ er, viele Jahrzehnte, bevor das Rauchen derart tabuisiert werden sollte wie heute, Zigaretten aus seinen Fotos retuschieren. Und um Disneyland als familienfreundlichen Hort zu positionieren, untersagte er im alltäglichen Publikumsverkehr den Ausschank von Alkohol – selbst in den gehobeneren Restaurants des Parks, die dem feineren Gaumen eine Abwechslung von Popcorn, Erdnüsse und Burger bieten sollten.

Gleichwohl gehörten zum Inventar seines Apartments im Feuerwehrhaus der Main Street eine prall gefüllte Minibar und ein Tom-and-Jerry-Service. Und nein, das ist kein Signal der Firmenuntreue: Walt Disney hatte keine Tassen mit dem sich ständig jagenden Katz-und-Maus-Duo aus dem Hause William Hanna & Joseph Barbera bei sich stehen. Hinter dem Begriff Tom and Jerry verbirgt sich ein warm servierter Cocktail aus den 1820er-Jahren, der im frühen 20. Jahrhundert einen kurzen, aber steilen Popularitätsschub in den USA genoss, bevor er (außerhalb des sogenannten Mittleren Westens) wieder in Vergessenheit geriet. Er besteht aus schaumig geschlagenen Eiern, Zucker, Vanille, Rum und/oder Brandy, sowie (je nach Vorliebe) warmer Milch oder heißem Wasser, worauf eine Prise frische Muskatnuss gerieben wird.

Noch lieber als diesen Winter-Drink hatte Walt Disney jedoch Scotch Mist – also Scotch Whiskey auf Crushed Ice, serviert mit einer Zitronenzeste. Dieser Drink gehörte für ihn zum tagtäglichen Feierabendritual. Laut seiner Sekretärin Tommie Laurine Wilck trank er ihn stets gegen 17 Uhr, ehe er seinen vom Polospielen geschädigten Rücken von der studioeigenen Krankenpflegerin Hazel George massieren ließ.

Walt Disney und Tommie Laurine Wilck
Walt Disney und Tommie Laurine Wilck © Disney

Die meisten disneyhistorischen Quellen sprechen eindeutig davon, dass Walt Disney im Scotch der Marke Black & White einen klaren Favoriten hatte – so orderte er, dass in seinem Disneyland-Apartment stets ein halbes Dutzend Flaschen davon vorrätig sein sollte.

Als Tribut an Walt wurde daher der Scotch Mist im Disney-California-Adventure-Restaurant Carthay Circle jahrelang mit Black & White zubereitet – ehe man aus unbekannten Gründen auf Johnnie Walker Black Label umstieg. (Mutmaßlich, weil dies ein berühmterer Whisky ist, der somit eher den Erwartungen des Carthay-Circle-Klientels entspricht.) Das ist eine kuriose Entscheidung, denn wenn es nicht weiter Black & White sein soll, so besteht doch eine offizielle Alternative: Wie Marcy Carriker Smothers im Disney-Kulinarik-Nachschlagewerk „Eat Like Walt: The Wonderful World of Disney Food“ erwähnt, kann man für einen Scotch Mist nach Walt Disneys Vorlieben alternativ zum in heutigen Supermärkten weit verbreiteten Canadian Club greifen.

Obwohl der Black & White Whisky zu Walt Disneys Lebzeiten ein solide-respektables Ansehen hatte, und ein simpler Scotch Mist eine generell geachtete Art ist, Whisky zu servieren (anders als etwa die oft mit hochgezogener Nase verachtete Kombination„Whisky & Cola“): Es dürften sich gewiss viele Whisky-Liebhabende davor grausen, wie Walt Disney seinen Scotch Mist bevorzugte.

Laut Wilck mochte Disney seinen Whisky nämlich sehr wässrig: „Ich habe Eis und Wasser ins Glas gepackt und den Scotch darauf schwimmen lassen“, erinnert sie sich in einem Artikel des Walt Disney Family Museums. Sie habe Walt Disney nur wenig Whisky pro Glas gegeben, weshalb er „zwar viel Flüssigkeit zu sich nahm, doch […] nur wenig vom Alkohol hatte.“

Fässer mit Black & White Scotch Whisky im Riverside Museum Glasgow
Fässer mit Black & White Scotch Whisky im Riverside Museum Glasgow (Credit: Stephencdickson)

Der Whisky und seine Hintergründe

Beim Black & White Whisky handelt es sich um einen Blended Scotch Whisky, also um einen schottischen Verschnitt verschiedener Whiskys. Eingangs als The Buchanan Blend und später als House of Commons vermarktet, übernahm dieser Whisky schlussendlich als offizielle Bezeichnung den Spitznamen Black & White, dem ihm seine Liebhaber:innen aufgrund seiner Aufmachung in den Anfangsjahren verliehen haben: Verkauft wurde er in schwarzen Flaschen mit einem weißen Etikett.

Dem Spitznamen trug man bald darauf durch ein neues Markenzeichen Rechnung: Ein Logo, auf dem ein schwarzer Scottish Terrier und ein weißer West Highland White Terrier zu sehen sind. Sie sind der Legende nach ein Verweis darauf, dass James Buchanan seine Geschäftsidee nach dem Besuch einer Hundeshow kam. Es ist somit ein kleines Wunder, dass der Black & White keine Pferde als Erkennungsmerkmal aufweist, denn die waren die größere Leidenschaft des Firmengründers.

Das Hundemotiv (einst nur in der Werbung genutzt, nunmehr auf jeder Flasche zu finden) wurde in den 1890ern vom Firmenchef höchstpersönlich entwickelt. Seine Firma James Buchanan & Co Ltd. wechselte später im Rahmen von Fusionierungen und Firmenübernahmen mehrmals den Besitzer. Mittlerweile liegt Buchanans Firma in der Hand des internationalen Alkoholgiganten Diageo, der nicht nur die populären irischen Biere Guinness und Kilkenny besitzt, sondern auch den Sahnelikör Baileys und die Rumspirituose Captain Morgan.

BW logo

Obwohl sich Black & White Whisky aktuell laut Firmenangaben in Frankreich, Venezuela und Brasilien herausragend verkauft, lässt sich die These aufstellen, dass diese Whiskymarke ihre Blütezeit hinter sich hat. Während man den Black & White beispielsweise in Deutschland heutzutage primär in Discountern findet, und er nahezu gar keine kulturelle Wahrnehmung genießt, war er lange Zeit sehr geläufig und hatte einen Platz in hoher sowie populärer Kultur:

So beschreibt der US-amerikanische Lyriker John Allan Wyeth in seinem Sonett „Huppy: The Life o’ Riley“ aus dem Jahr 1928 eigene Erfahrungen während seiner Stationierung in Frankreich im Ersten Weltkrieg – und erwähnt darin den damals populären Black & White namentlich. Außerdem nutzt F. Scott Fitzgerald Whisk(e)y-Marken, um in seinem Roman „Zärtlich ist die Nacht“ Charakterzeichnung zu betreiben – so symbolisiert der Wunsch nach einem Black & White Reinheit, doch dieser Wunsch wird zerschmettert, da die Bar, in der sich diese Szene abspielt, langweilig-standardmäßig nur Johnnie Walker anbietet.

Darüber hinaus kommt der Black & White im Abenteuerfilm „Tarzans Rache“ von 1939 vor, im James-Bond-Roman „Moonraker“ sowie im James-Bond-Film „007 jagt Dr. No“. Außerdem ist er der Lieblingsdrink von Cary Grants Rolle in der Filmkomödie „Der große Wolf ruft“ sowie von Gregory Pecks Figur Tom Rath in „Der Mann im grauen Flanell“ – und Schauspieler, Entertainer sowie Swing-Legende Dean Martin bezeichnete ihn zusammen mit dem alteingesessenen Scotch Haig als persönlichen Favoriten unter den hochprozentigen Getränken.

Trotz seiner Würdigung durch Dean Martin und Bond, James Bond: Der Black & White Whisky ist nicht erst seit kurzer Zeit im niedrigpreisigen Whisky-Segment angelangt. Seit jeher wurde er von Whiskey-Kenner:innen dafür geschätzt, dass er stabile Qualität mit einem fast schon spöttischen Kampfpreis vereint, wodurch er sich zu einer im vielfachen Wortsinne angenehmen Alternative für andere Whiskys mauserte. Nennenswerte Auszeichnungen waren dem Black & White allerdings nie vergönnt – anders als seinem Verehrer Walt Disney.

Dieser Differenz zwischen Walt und seinem Whisky zum Trotz: Hält man sich die These vor Augen, dass man bei gehobenerem Alkohol stets die Geschichte dahinter mittrinkt, so ergibt sich wohl ein stimmiges Bild, weshalb Walt Disney eine Schwäche für den Black & White entwickelte. So weit jedenfalls das Bücherwissen. Aber was sagt uns die Praxis über diesen Scotch Blend?

Eine Flasche Black & White
Eine Flasche Black & White

Black & White Whisky: So schmeckt Walts Feierabendgetränk

Die geschmackliche Intention

James Buchanan stieg zwar zügig zu einem der großen Whisky-Barone des 19. Jahrhunderts auf, doch seine Anfänge waren vergleichsweise bescheiden – was sich im Black & White widerspiegelt: 1849 in Kanada geboren und bald darauf nach Großbritannien gezogen, wuchs er als jüngstes von drei Kindern auf. Buchanans Vater war Manager eines Steinbruchs, er selbst arbeitete im Alter von 14 oder 15 Jahren als Bürojunge und kurz danach als Schreibkraft.

1879 wurde er Vertreter für den Whisky Blender Charles Mackinlay & Co. in London – und entwickelte dort eine Begeisterung für schottische Blends sowie einen untrüglichen Geschäftssinn: Er sah voraus, dass in England eine große Nachfrage für Blends aus Schottland entsteht, so dass er selbst in dieses Geschäft einstieg und zusammen mit W. P. Lowrie & Co. einen Blend entwickelte, mit dem er sich alsbald selbstständig machte. Ein raketenhafter Aufstieg stand bevor.

Buchanan, der genauso wie sein Scotch für eine konsequente Geradlinigkeit bekannt werden sollte, setzte entgegen dessen, was sich jahrhundertelang im britischen Whisky-Geschäft schickte, mit Stolz auf den Einsatz von über 60 Prozent Grains (hierfür werden meist günstigere Getreide wie Weizen und Mais, oder auch Hafer und Roggen, ungemälzt verarbeitet) in seinem Blend. Sie sollten nicht nur den Preis drücken, sondern obendrein eine Leichtigkeit und geschmackliche „Knackigkeit“ mitbringen, während ein Single Malt (bestehend aus gemälzter Gerste) aus Dalwhinnie für stärkeres Aroma beigemischt wird. Insgesamt kommen im Black & White 35 verschiedene Malts und Grains zum Einsatz.

Zu den bekannten Herkunftsdestillerien der Malts und Grains im Black & White gehören Glendullan (eher bekannt für leichtes und fruchtiges Aroma), Cameronbridge (die älteste Grain-Whisky-Brennerei Schottlands, ihr Hausstil gilt als mild, leicht, auf der Zunge zergehend und an Gebäck erinnernd) sowie Clynelish (hat einen Ruf als Brennerei für charaktervolle, ölige Whiskys mit Würze, Weide-Aroma und Seetang-Noten durch die Küstennähe).

Absicht war es, durch diesen Verschnitt einen vergleichsweise günstigen Whisky zu erzielen, der trotzdem mit einem griffigen, verständlichen Profil und deutlichen Charakteristiken ausgestattet ist, womit er sich problemlos für alle erdenklichen Whisky-Interessenten eignet, ohne beliebig zu werden. Konsequenterweise entwickelte der Black & White einen Ruf als wiedererkennbarer, markanter Whisky, der sich dennoch für jede Drink-Gelegenheit anbietet – statt etwa nur für bestimmte Genussmomente, wie als Begleiter zur Zigarre, zum abendlichen Steak oder für eine ausgelassene Nacht, in der die Gläser schnell und leicht geleert werden wollen.

Ein pures Glas Black & White
Ein pures Glas Black & White (keine Sorge, die Walt-Variante wurde auch verkostet)

Black & White – verkostet

Riecht man am Black & White, überkommt einem nach all dieser Vorgeschichte und angesichts des Vorwissens, dass dieser Scotch Blend zeitweise auch bei Whisky-Kenner:innen Ruhm und Ansehen genoss, ein Gefühl der Überraschung: Der Black & White erinnert in der Nase eher an einen schmalen, einfachen Rum als an einen Whisky mit Prestige.

Die Duftnoten sind flach und leicht, es kommen vage Erinnerungen an Zitrusfrüchte, sowie eine winzige Prise Honig und Biskuitteig hoch. Pur schwingt etwas Birne mit und ganz hinten in der Nase auch etwas Rauch; doch diese Noten entfleuchen, sobald man den Black & White auf Eis legt, geschweige denn als Scotch Mist mit Zitronenzeste serviert. Im Mund bleibt der honiggelbe, recht klare Whisky sehr zugänglich: Pur ist das alkoholische Brennen sehr sanft und kurzlebig für einen Whisky, auf Eis verschwindet es nahezu völlig.

Außerdem entfalten sich seine Aromen in sanfter Abfolge, statt eine Geschmacksexplosion zu zünden. Auch hier spielt eine Honignote mit, vor allem aber ringen Trockenfrüchte, sanft-cremige Zitrone und vanilliger Teig um Dominanz auf der Zunge. Die Teig-Konnotation lässt sich vornehmlich durch den hohen Grain-Anteil erklären. Die sanfte, aber lang anhaltende Note von Eiche und Rauch, wenn man sich den Black & White auf der Zunge zergehen lässt, lässt derweil vermuten, dass der Anteil an kräftigem Single Malt dennoch nicht verschwindend gering ist.

Der Abgang ist wässrig und sanft, der Nachgeschmack ist allerdings beachtlich: Hier explodiert der Black & White mit dem Aroma einer zitronigen Biskuitrolle, das gegen die ebenfalls spürbaren Noten von Bitterkeit (hier lassen wieder die Grains grüßen) und Asche um Aufmerksamkeit feilscht. Als säße man in einem pittoresken Café, um sich einen fluffigen Zitronenkuchen mit Creme zu gönnen, während am Tisch gegenüber jemand eine kräftige Zigarette quarzt.

Von der Nase abgesehen, die auf Eis abflacht, profitiert der Black & White davon, als Scotch Mist serviert zu werden Die Kühlung durch ein wenig Crushed Ice ermöglicht es diesem Whisky, dass sich seine Geschmacksvielfalt gleichmäßiger und anhaltender entfaltet, und die Zitronenzeste ergänzt die fruchtigen Noten angenehm, ohne die restliche Palette des Blends zu übertönen. Eine Wilck-bereitet-Walt-den-Feierabenddrink-vor-Mischung empfiehlt sich jedoch nur, wenn man unbedingt genau diese Erfahrung rekreieren möchte – oder mit Whisky generell sehr vorsichtig umgeht.

Alles in allem hinterlässt der Black & White keinen überragenden, wenngleich einen zweifellos bemerkenswerten Gesamteindruck: Einerseits sanft und eingangs wenig whiskyhaft, vereint er schlussendlich seine gefällige, unaufdringliche Art mit einem wiedererkennbaren, eigenen Charakter. Wahrlich kein High-End-Premium-Whisky, der sehr spitz nur ein kleines Klientel abholen will, sondern ein selbstbewusster Mainstream-Whisky, der geschmacklich facettenreicher und markanter ist als viele andere Vertreter seines günstigen Preissektors.

Walt Disney entspannt bei einem Tässchen © Disney
Walt Disney entspannt bei einem Tässchen © Disney

Ein Toast

Es ist nicht von Belang, ob ihr gerade in einem Café sitzt und hausgemachten Kuchen verspeist, oder euch bei der Arbeit der Rücken schmerzt und ihr auf den Feierabend wartet. Es ist unbedeutend, ob ihr mit fruchtig-rauchigem Whisky, der an Gebäck erinnert, etwas anfangen könnt, oder man euch damit jagen kann: Wenn ihr so weit gekommen seid, diese Zeilen zu lesen, so verbindet uns etwas – ein gemeinsames Interesse.

Solche Begeisterungen zeigen auf, wie sich Menschen aus den unterschiedlichsten Facetten des Lebens zusammenbringen lassen. Denn die schlichte, schöne Wahrheit ist, dass wir komplexer und vielseitiger sind, als es zunächst den Anschein hat – und das ermöglicht es, hinter den Unterschieden gemeinsame Erfahrungen und Passionen zu entdecken. Ganz einfach!

Also ganz gleich, ob ihr zur Speerspitze eurer Universität gehört oder nie den Anschluss zu den Klassenbesten gefunden habt. Ob ihr simple Küche bevorzugt oder euch das Herz aufgeht, wenn ihr eurem Besuch aufwändige Speisen auftischt. Vielleicht hattet ihr eine rebellische Phase, in der ihr euch störrisch auf eure Wurzeln besinnt habt – oder ihr habt den Spagat zwischen Ernst und Unterhaltung schon früh als eure Spezialität entdeckt …

Ganz gleich, ob ihr in Kunst und Kultur nach dem Kindlichen sucht, oder eher dafür zu begeistern seid, wenn im kindlichen Vergnügen ein gehobener Anspruch zu entdecken ist. Ob ihr manchmal in der Hoffnung mogelt, die Gelegenheit zu erhalten, Gutes zu tun. Oder ob ihr für euer Umfeld stets als der kreuzbrave Moralkompass auftretet: Ein Stück Walt-Disney-Geist lässt sich in euch finden, und er hat euch ganz offensichtlich hierher geleitet.

Disney Central dankt für euer Interesse, und hofft auf viele weitere Jahre gemeinsamer Begeisterung für das außerordentliche Themengebiet namens Disney. Es ist eine Welt, die so widersprüchlich-komplex sein kann wie ein rauchig-leichter Whisky mit gleichermaßen frischer Zitrusnote wie bleibender, aschiger Bitterkeit. Und dennoch ist es eine Welt, die verständlich, allgegenwärtig sowie bezaubernd-simpel ist. Auf die Simplizität des Komplexen, und das verzahnte Faszinosum, das von schlichter Zugänglichkeit ausgeht! Auf die romantische Vorstellung von Walt, auf euch, und auf eine magische Zukunft!

„Ich glaube, ein Mensch wird gebildet, indem er das Gute und Schöne im Leben auswählt.“

Walt Disney

Ergänzende Lesetipps und weitere Quellen

Eine Antwort auf „Walts Whisky: Der Mann, sein Geschmack und sein Drink“

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