DLP History Teil 3: Vom Absturz und Rettung Euro Disneylands

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Im Frühjahr 1994 stand Euro Disneyland kurz vor dem Bankrott – und damit nach nur zwei Jahren vor seiner endgültigen Schließung. Es sah so aus, als würde dieses Disney-Märchen kein Happy End bringen. Wie hatte es in so kurzer Zeit nur soweit kommen können? 

Kurz gesagt: Disney hatte sich mit Euro Disney himmelweit verrechnet. Im April 1992 hatte man mit viel Glanz die Eröffnung des neuesten Magischen Königreichs gefeiert. Fernsehsender in aller Welt übertrugen die große Gala. Für die USA moderierten Melanie Griffith und Don Johnson das Event, in Deutschland führte Thomas Gottschalk auf der ARD live durch den Abend. (Gottschalk entwickelte Anfang der 1990er eine enge Beziehung zu Disney – eine Geschichte für ein andermal…) Die Show machte Lust auf diesen neuen Park, der ab sofort Gäste aus ganz Europa begrüßen sollte.

Doch nach diesen märchenhaften Feierlichkeiten zogen dunkle Wolken über den Türmen des Dornröschenschlosses auf, beziehungsweise waren sie schon da. In einer Mischung aus schwierigem wirtschaftlichen Umfeld, Anlaufschwierigkeiten und gewaltiger Fehlkalkulation auf Seiten Disneys brach ein perfekter Sturm über Euro Disney herein, der das neue Resort fast in die Knie zwang.

1992 steckte ganz Europa in einer wirtschaftliche Rezension, die Arbeitslosigkeit stieg. Besonders hart traf es dabei Frankreich, wo auch der Immobilienmarkt einbrach. Dies betraf auch Euro Disney, wollte man doch zügig neben Parks und Hotels auch Gewerbe und Wohnungen errichten. In dieser Lage – und lange vor dem Euro – kam hinzu, dass viele europäische Währungen gegenüber dem französischen Franc an Wert verloren. Ein Besuch in Euro Disneyland wurde damit für ausländische Besucher teurer. Die Rezension sollte sich als langwierig erweisen. 

Kinderkrankheiten und Anlaufschwierigkeiten eines neues Parks

Die Menschen strömten dennoch herbei, um „ihr“ europäisches Disneyland zu entdecken: In den ersten 12 Monaten kamen knapp 11 Millionen Gäste – was gering unter Disneys Erwartungen für den Park lag. An vielen Tagen geriet Euro Disneyland an seine Kapazitätsgrenze. Trotz sich schon abzeichnender finanzieller Schwierigkeiten eröffnete Disney 1993 insgesamt sechs neue Attraktion, darunter Le Pays des Contes de Fées und Indiana Jones et le Temple du Péril. Obwohl allesamt eher kleiner im Vergleich zu anderen Fahrgeschäften erhöhten sie die Gesamtkapazität des Parks beträchtlich und gaben einen neuen Grund, Euro Disneyland zu besuchen. Gleichzeitig begannen die Arbeiten an Discovery Mountain, der 1995 als Space Mountain – De la Terre á la Lune eröffnen sollte. 

Die Eröffnungszeremonie von Indiana Jones et le Temple du Péril mit George Lucas am 9. Dezember 1993

Schwierigkeiten zeichneten sich im alltäglichen Betrieb des Parks und der Hotels ab: Die Nachfrage nach einem ausgedehnten Frühstück in den Hotels hatte Disney völlig unterschätzt. Es kam zu langen Schlangen vor den wenigen geöffneten Lokalen und Beschwerden. Überschätzt hatte Disney jedoch den Bedarf an Restaurants mit Tischbedienung. Statt wie sich zu Hause lange zu einem Mittag- oder Abendessen zusammenzusetzen, stürmten die europäischen Gäste die Fastfood-Restaurants.

Dort wo möglich passte Disney das Überangebot an Tischbedienung an. (Zu den „Opfern“ zählte dabei das Explorers’ Club Restaurant, welches zu Colonel Hathi’s Pizza Outpost wurde, sowie die Plätze von Walt’s im Erdgeschoss – heute befindet sich hier Lilly’s Boutique.) Für Irritation und viel Hohn in der Presse sorgte auch Disneys anfängliche Weigerung, im Park Alkohol auszuschenken. 1993 tauchten Wein und Bier auf Speisekarten auf.

Sorgen bereitete außerdem der Verkauf von Andenken: Die qualitativ hochwertigen aber ebenso hochpreisigen Souvenirs in den Shops trafen weder Geschmack noch Geldbeutel der europäischen Gäste. Günstigeres Merchandise musste her. Das alles ließ die Gewinnmargen von Euro Disney bedrohlich schnell schrumpfen, selbst wenn der Park an sich laut Disneys Aussage weiterhin Gewinn erwirtschaftete. 

Als Achillesferse erwiesen sich die weit über 5.000 Hotelzimmer: Disney war von gut 80 Prozent Auslastung ausgegangen, ähnlich der Hotels in Walt Disney World (von denen es Anfang der 1990er Jahre viel weniger gab als heute). Stattdessen lag die Zahl 1992 bei rund 60 Prozent. Im Winter ’92 / ’93 sah sich Euro Disney gezwungen, sein größtes Hotel – den Newport Bay Club – einige Monate zu schließen. Mehr Gäste als erwartet buchten über Reisebüros und Reiseveranstalter statt direkt bei Disney, was höhere Provisionszahlungen und damit weniger Gewinn bedeutete. 

Euro Disney geht das Geld aus

Euro Disney bekam immer mehr Schwierigkeiten, seine Schulden von 3 Milliarden US-Dollar zu tilgen. Im Sommer 1993 kam es zu ersten, harten Einschnitten: 1.000 Mitarbeiter*innen wurden entlassen und die Arbeiten am zweiten Park, den Disney-MGM Studios Europe, sowie an tausenden weiteren Hotelzimmern und einem geplanten Wasserpark (der legendären Lava Lagoon) eingestellt. Gleichzeitig kündigte Euro Disney Preissenkungen sowie saisonal unterschiedliche Preise für die Parktickets an, um mehr Besucher anzulocken. 

Erste, wichtige Schritte – doch das finanzielle Fundament, auf dem Euro Disney stand, geriet immer schneller ins Rutschen. Für das Geschäftsjahr 1993 schockte Euro Disney mit einem Verlust von 1 Milliarde US-Dollar. Darin enthalten waren allerdings einmalige Abschreibungen von über 600 Millionen Dollar – ein finanzielles Manöver, um die finanzielle Lage des Unternehmens zu stabilisieren. Es genügte nicht. Euro Disney drohte zahlungsunfähig zu werden.

Ende 1993 sah sich der Disney-Mutterkonzern gezwungen direkt einzuschreiten. Man werde Euro Disney bis Ende März 1994 liquide halten, so der damalige Disney CEO Michael Eisner. Er machte aber klar, dass sollte bis dahin mit den Banken keine Einigung über eine Umschuldung Euro Disneys gefunden werden, Disney bereit sei, den Park und die Hotels zu schließen. Die Walt Disney Company (die zu dem Zeitpunkt noch deutlich kleiner war als sie es heute ist) sei nicht in der Lage, Euro Disney alleine zu retten. Dies hätte die gesamte Company für ein Jahrzehnt finanziell in ein schwarzes Loch geworfen, so Eisner. Das konnte er nicht riskieren. 

Die Verhandlungen waren hart – auf beiden Seiten. Die Banken warfen Disney sogar Betrug vor. Harte Geschütze. Doch der Disney Company war es durchaus bei der Finanzierung von Euro Disney gelungen, das eigene finanzielle Risiko sehr gering zu halten – doch bei Erfolg hätten gerade sie am meisten profitiert. Am Ende waren es eben gerade die Banken, die bei einem Bankrott Euro Disney’s am meisten zu verlieren hätten, nämlich 3 Milliarden US-Dollar.

Dagegen musste Disney natürlich auch Umsatzeinbußen fürchten. Noch bedrohlicher wirkte allerdings der immense Imageschaden, Euro Disneyland schließen zu müssen. Dies hätte auch den europäischen Markt auf Jahre hin für Disney kaputt gemacht. Zudem lockte die amerikanischen Manager die Aussicht wenig, dass ein Konkursverfahren am Gericht der nahen französischen Kleinstadt Meaux stattgefunden hätte. Die Richter dort wären plötzlich mit einem der größten Konkursverfahren der europäischen Geschichte konfrontiert gewesen – und der Heimvorteil hätte sicherlich nicht bei der Walt Disney Company gelegen.

Als dritter Beteiligter war der französische Staat, der Disney ja deutlich entgegengekommen war, nicht an einer Pleite interessiert. Euro Disney sollte der wirtschaftliche Motor im Osten von Paris werden, Millionen von Touristen anziehen und zehntausende Arbeitsplätze schaffen. Niemand wäre bei einem Bankrott des Parks ohne großen Schaden davongekommen.

Die Rettung

Knapp zwei Wochen bevor Euro Disney das Geld ausging, einigten sich Banken und die Walt Disney Company am 14. März 1994 auf ein gemeinsames Rettungspaket: Die Banken würden für 18 Monate die Zinsen stunden und bei einer Kapitalerhöhung 500 Millionen Dollar in Euro Disney investieren. Weitere 500 Millionen Dollar versprach die Walt Disney Company zu übernehmen und außerdem für rund 250 Millionen Teile der Anlage aufzukaufen um diese dann an Euro Disney zurückzuleasen. Mit diesem Wurf sank die Schuldenlast des Resorts um gut die Hälfte. Zusätzliche Luft verschaffte Disneys Zusage, für die nächsten fünf Jahre auf Lizenz- und Managementgebühren zu verzichten. 

Im Sommer 1994 trat schließlich noch ein waschechter Prinz auf: Prinz Al-Waleed Bin Talal Bin Abdulaziz Al Saud – ein Spross des weitverzweigten saudischen Königshauses – beteiligte sich mit über 300 Millionen Dollar an Euro Disneys Kapitalerhöhung. Außerdem schoss er die finanziellen Mittel vor, um den Newport Bay Club um ein Convention Center zu erweitern, hatten sich doch Konferenzen und Messen für Disney als lukratives Geschäft erwiesen. Dies wies sich als wichtiges Signal und baute wieder Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Euro Disney Resorts auf.

Die Wunden, die Euro Disney’s Fast-Bankrott geschlagen hatten, saßen jedoch tief und sollten jahrelang nachwirken. Unter der schlechten Presse waren die Besucherzahlen eingebrochen: 1994 kamen nur noch 8,8 Millionen Gäste. Betriebsausgaben mussten schmerzhaft angepasst werden und weitere Mitarbeiter*innen verloren ihre Arbeit.

Neustart und tiefe Wunden

Am schwerwiegendsten wirkte sich in dem nächsten Jahr auf die Disney Parks weltweit wohl der starke Dämpfer für jeglichen Ehrgeiz aus: Michael Eisner war seit seinem Antritt als Disney’s CEO 1984 von Erfolg zu Erfolg geeilt. Euro Disney war sein erster größerer Misserfolg. Im April 1994 verstarb bei einem Hubschrauberabsturz sein enger Vertrauter und Nummer Zwei an der Disney-Spitze Frank Wells. Ein hässlicher Nachfolgekampf entbrannte. Kurz darauf wurde Eisner in eine Klinik eingeliefert und am Herzen operiert. Michael Eisners Lust und Risikobereitschaft in große Attraktionen und Parks zu investieren kühlte stark ab. Das Interesse der Walt Disney Company an ihrem europäischen Resort schien nur noch gering. (Die Auswirkungen dieser Haltung sind in den Walt Disney Studios noch sehr deutlich zu sehen.)

Dennoch: Euro Disney war gerettet. Diese erste Phase von der Idee über den Bau bis hin zum beinahe Absturz des Resorts kam im September 1994 schließlich zu einem Ende. Nach vielen Debatten und mit einer neuen Marketing-Kampagne wurde aus dem „Euro Disney Resort“ das „Disneyland Paris“. Der Grundstein für einen Neustart war gelegt. 

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