Rückblick: Le Visionarium Disneyland Paris

2+

Mit 12 durfte ich das erste Mal durch die Zeit reisen: Ich blickte in die Werkstätten Leonardo da Vinci’s, lauschte dem jungen Mozart am Hofe König Ludwigs XV., besuchte die große Weltausstellung von 1900 in Paris. Le Visionarium hieß der Ort, an dem ich diese fantastische, mich tief beeindruckende Reise unternahm.

Le Visionarium war ein 360-Grad-Film in Discoveryland, der seine Besucherinnen und Besucher mit in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nahm, dabei atemberaubende Aufnahmen Europas zeigte und Begegnungen mit großen Visionären und historischen Persönlichkeiten erlaubte. Le Visionarium war das Herz und Seele von Discoveryland.

Die Attraktion bestach durch eine raffinierte Kombination aus Film, Audio-Animatronics, einer mitreissenden Geschichte und einem ebenso mitreissenden Soundtrack von Bruce Broughton, der später mitunter auch die Originalmusik zu Space Mountain – De la Terre à la Lune schreiben sollte. Mit Le Visionarium erfüllte Disney auch die Bitte der französischen Regierung, dass Euro Disneyland (wie der Park zu seiner Eröffnung 1992 ja noch hieß) auch Elemente der Kultur Frankreichs und Europas beinhaltete. Mit seinen Szenen und großen europäischen Persönlichkeiten kam Le Visionarium dem voll und ganz nach.

Auf Zeitreise

Besucher des Visionariums betraten nach einer kurzen, einfachen Warteschlange einen kleinen Pre-Show-Saal, vollgestopft mit Modellen, Büchern, Bildern, Büsten und allerlei kuriosen Erfindungen. Auf dem großen Bildschirm an der hinteren Wand begrüßt uns unser Gastgeber: der Roboter und Erfinder Timekeeper. Mit seinem neuesten Geniestreich – einer vollfunktionstüchtigen Zeitmaschine – will er in den Pantheon der großen Visionäre aufsteigen, denen er einen amüsanten Vorfilm widmet. Zu guter Letzt stellt er uns seine Assistentin 9-Eye vor, die nach einer Reihe ausreichender wie haarsträubender Tests nun in die Vergangenheit reisen soll. Die charmante und äußerste leidensfähige Roboterdame hat ringsum neun Kameras, die uns ein komplettes 360-Grad-Bild des Geschehens erlaubt – perfekt für eine Reise durch die Zeit.

So betreten wir den kreisrunden Hauptsaal: Neun Leinwände bedecken ringsum die Wände. Direkt gegenüber von den Eingängen werkelt Timekeeper – eine beeindruckende audio-animatronische Figur – an seiner Maschine. Die einzelnen Reihen, in denen die Besucher stehen können, sind von Geländern voneinander getrennt. An jedem Platz findet sich ein Kopfhörer, mit dem man je nach Belieben individuell die englische, deutsche, italienische, spanische oder niederländische Synchronisation des nun kommenden Abenteuers einstellen kann.

Der erste Akt der Reise führt 9-Eye (und uns) von einer kurzen Begegnung mit einem hungrigen Dinosaurier über die Eiszeit in Europas Mittelalter, wo wir uns in einem wilden Schlachtgetümmel wiederfinden. Weiter geht’s in die Werkstatt Leonardos, der sich direkt von den filigranen Armen 9-Eye’s inspirieren lässt während im Hintergrund der Mona Lisa das Lächeln vergeht. Den siebenjährigen Mozart treffen wir in einem trefflich herausgeputzten Schloss des französischen Königs Ludwig XV.. 

Schließlich erreichen wir das Jahr 1900 und die große Weltausstellung von Paris, womit der zweite Akt unserer Zeitreise beginnt: Wir platzen zufällig in ein Streitgespräch der visionären Schriftsteller Jules Vernes und H.G. Wells. Verne hält Zeitreisen für unmöglich, worauf Wells antwortet „Nicht unmöglich. Bloß unwahrscheinlich!“ bevor er weiter zu einer Konferenz eilt. In dem Moment spricht 9-Eye den noch grummelnden Jules Verne an, der sich staunend an den fliegenden Roboter hängt … und prompt mit in die Gegenwart (na ja, 1992) mitgerissen wird.

Timekeeper ist anfangs wenig davon angetan, kann aber dem Bitten seines großen Idols Jules Verne doch nicht widerstehen und schickt ihn auf eine atemberaubende Reise: Findet sich Verne zuerst auf der Spitze eines rasenden TGV-Schnellzuges wieder, ist er im nächsten Moment mitten im Verkehrsgetümmel rund um den Pariser Triumphbogen, dann hinter dem Steuer eines Rennwagens, dann in einem Bob in einem Eiskanal und schließlich erhebt er sich in einem Heißluftballon über den Roten Platz in Moskau.

Nach einem kurzen Auftritt von Gerard Depardieu als Gepäckträger auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, geht es hoch in die Luft: In atemberaubenden Bildern fliegen wir gemeinsam mit Verne über ein paar der schönsten Landschaften Europas – die Schweizer Alpen, den Mont St. Michel, Schloss Neuschwanstein – bevor Timekeeper dem guten Verne einen Besuch unter dem Meer und sogar im Weltall ermöglicht. Begeistert kehrt Verne in das Jahr 1900 zurück.

Timekeeper bietet jetzt „uns“ die einmalige Gelegenheit, selbst in die Zukunft zu reisen. Er beamt aus dem Publikum „eine Familie“ in seine Zeitkammer (die zufällig in all den Jahren stets die selbe war, die Kinder nie alterten, und alle die bedauernswerte Mode von 1992 trugen) und … voilà!

Zum Großen Finale schweben wir hoch über den Dächern des nächtlicher Paris 200 Jahre in der Zukunft. Die Stadt ist noch schöner und noch strahlender als je zuvor. In diesem Moment begegnen wir auch zwei alte Bekannter wieder: Jules Verne und H.G. Wells, die es an Bord einer eigenen Zeitmaschine ebenfalls hierher geschafft haben. Mit diesen Eindrücken geht es zurück in unsere Zeit…

Ich war hingerissen. Und das bei jedem Besuch in den folgenden Jahren. Le Visionarium war für mich (und nicht nur für mich) eine der bewegendsten Erlebnisse in Disneyland Paris.

Wie bei Film-Attraktion allerdings schnell üblich, wurde Stück für Stück deutlicher, dass Timekeeper uns tatsächlich in die Vergangenheit führte: Und zwar in das Jahr 1992. Das sah man leicht an der Mode, an den alten Autos auf der Champs Elysées und schließlich auch an der dicken, fetten Concorde, die da auf dem Flugfeld des Charles-de-Gaulle-Airports stand – obwohl seit 2003 (nach einem tragischen Absturz einige Jahre zuvor) keine mehr flog. Und so schloss Le Visionarium im September 2004 seine Pforten. An seiner Stelle lädt seit 2006 Buzz Lightyear zu seiner Mission gegen den Imperator Zurg ein.
 

Dies und das zu Le Visionarium:

  • Le Visionarium eröffnete mit Euro Disneyland am 12. April 1992.
  • Der 360-Grad-Film mit dem schönen Titel „From Time to Time“ des Visionariums war der damalige Gipfel von Disneys fast 40-jährigen Erfahrungen mit dem Medium. Bereits 1955 zeigte das kalifornische Disneyland seinen ersten sogenannte „Circle-Vision“-Film. Dieser nahm die Besucher auf eine Reise durch die Vereinigten Staaten mit. Noch heute sind in Epcot mit Reflections of China und Canada Far and Wide zwei dieser Filme zu sehen.
  • From Time to Time“ konnte mit einer Reihe hochkarätiger Schauspieler aufwarten:
    • Michel Piccoli spielte Jules Verne.
    • In die Rolle von H.G. Wells schlüpfte Jeremy Irons (den wir später auch nochmal bei der Studio Tram Tour sehen sollten…)
    • Gerard Depardieu habe ich ja bereits erwähnt…
    • der italienische Schauspieler Franco Nero spielte Leonardo da Vinci
  • Die Szenen mit dem jungen Mozart am Hofe Ludwigs XV. drehte das Filmteam im Loire-Schloss Chantilly. Die Weltausstellung von Paris zeigte nicht die französische Kapitale sondern das Palmenhaus von Schönbrunn im schönen Wien. Und als eine der ersten westlichen Filmprodukten durfte Disney auf dem Roten Platz drehen – damals noch das Herz der sich bald auflösenden Sowjetunion.
  • Unter dem Namen Visionarium war die Attraktion von 1993 bis 2002 auch in Tokyo Disneyland’s Tomorrowland zu sehen. In Walt Disney Worlds Magic Kingdom spielte der Film als The Timekeeper von 1994 bis 2006 – dort übrigens mit den Stimme von Robin Williams als Timekeeper und der Komikerin Rhea Perlman als 9-Eye. (Bislang ist es mir nicht gelungen herauszufinden, welche Schauspieler in Paris die englischen Stimmen der beiden Roboter sprachen. Die US-Tonspur wurde nie übernommen. Mein ewiger Dank dem unter euch, der mir da weiterhelfen kann…) Die amerikanische Version des Films zeigte auch einige andere Szene, darunter ein Flug entlang der Skyline von Manhattan, und verzichtete auf den Roten Platz und die Szene am Pariser Flughafen. Nach dem 11. September 2001 wurde dann der Flug über New York – vorbei am World Trade Center – geschnitten. Unerklärlicherweise hatte die amerikanische Version allerdings einen anderen, bei weitem nicht so imposanten Soundtrack, obwohl der Komponist der selbe blieb).
  • Timekeeper wird von mir schmerzlich vermisst. 9-Eye versteckt sich allerdings gut in einem der Räume von Buzz Lightyear’s Laser Blast… Außerdem hat sie einen ganz kurzen Cameo-Auftritt von Star Tours: The Adventures Continue – Augen auf!

2+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.