DLP History Teil 2: Euro Disney – Vom Vertrag hin zur Eröffnung

Zu Teil 1: Wie Disneyland nach Europa kam

Am 24. März 1987 unterzeichneten Michael Eisner, damaliger Chef der Walt Disney Company, und Frankreichs Premierminister Jacques Chirac den Vertrag über den Bau und Betrieb des Euro Disney Resorts. 15 Monate hatte man verhandelt. In der Zwischenzeit war in Frankreich eine neue, konservative Regierung ins Amt gewählt worden. Der neue Verhandlungspartner war jedoch genauso überzeugt von dem Euro Disney Projekt. Das Ergebnis: 7,5 Milliarden Dollar sollten insgesamt in das Projekt fließen – für den Park, die Hotels, für Infrastruktur und Entwicklung des umliegenden Landes. Zehntausende Jobs sollten entstehen und Frankreich würde ein brandneues Disneyland begrüßen dürfen.

Die Walt Disney Company konnte sich mit dem Deal zufrieden zeigen. Die französische Regierung bot das Land für das Resort zu vergünstigten Preisen an und versprach unter anderem steuerliche Erleichterungen sowie neue Straßen, Bahnstrecken, Wasser-, Strom- und Telefonanschlüsse. Für den neuen Park wurde ein eigenes Tochterunternehmen gegründet, die Euro Disney S.C.A.. Die Walt Disney Company würde 49% der Anteile halten – das Maximum für ausländische Konzerne nach damaligen französischen Recht. Die restlichen 51% sollten weitere Investoren übernehmen, darunter viele aus Europa. Allerdings würde die Walt Disney Company als größter Anteilseigner die Geschicke des Resorts bestimmen – und neben Profiten auch Lizenzgebühren auf Tickets, Merchandise und die Disney Characters abschöpfen. 

2020 05 02 Unterzeichnung Euro Disney 1987
Michael Eisner und Jacques Chirac nach der Unterzeichnung des Vertrages zu Euro Disney im März 1987
© Disney

Die ersten Baumaschinen rollten im Sommer 1988 an. In den nächsten knapp vier Jahren sollte das Euro Disney Resort zur zweitgrößten Baustelle Europas heranwachsen – nur vom Eurotunnel unterhalb des Ärmelkanals übertroffen, der sich zur gleichen Zeit zwischen Frankreich und England im Bau befand.

Im Oktober 1989 ging Euro Disney S.C.A. an die Börse. Der Wert des Ausgabepreises für die Euro Disney Aktie von 72 Francs (umgerechnet knapp 11 Euro) mehr als verdoppelte sich in den nächsten zwei Jahren. Investoren zeigten sich überzeugt vom Erfolg des europäischen Disney-Themenpark. Der Start an der Pariser Börse ging jedoch wenig glanzvoll von statten: Als Michael Eisner lächelnd zum Aktienstart neben Disney Figuren die Bühne betrat, flogen ihm plötzlich Tomaten und Eier entgegen. Die Bilder gingen um die Welt. Was war geschehen? Hatte Disney in dieser Geschichte auf einmal die Rolle eines Bösewichts?

„Ein kulturelles Tschernobyl“?

Die zahlenmäßig überschaubaren Demonstranten an jenem Tag waren Mitglieder der Kommunistischen Partei. Der Hauptgrund für ihren lautstarken Protest: Der französische Staat hatte sich bereit erklärt, Milliarden von Francs an öffentlichen Geldern zur Subventionierung eines amerikanisches Privatunternehmen – Disney – zu investieren. 

Die Regierung glaubte fest an dem Nutzen dieser Förderungen für Disney. Neue Arbeitsplätze würden entstehen und der noch wenig entwickelte Pariser Osten bekäme einen starken Wirtschaftsmotor. Die Volksvertreter im regionalen Parlament der Region Ile-de-France sahen das ähnlich. Die Unterstützung für das Euro Disney Projektes war auch hier überparteilich sehr stark. Gemischter fielen die Reaktionen in den betroffenen Gemeinden aus: Man hatte es größtenteils versäumt, hier die Anwohnerinnen und Anwohner in den Prozess einzubinden. Diese sahen nun, wie rund um ihre Dörfer aus den Äckern und Feldern, die sie jahrhundertelang bewirtschaftet hatten, ein Märchenschloss, Fahrgeschäfte und riesige Hotelkomplexe wuchsen – und sich ihr Leben rasend schnell veränderte.  

Gleichzeitig begann sich in Europa das Feuilleton auf Euro Disney einzuschießen. Lautstark beklagten Intellektuelle den amerikanischen Kulturimperialismus. Besonders verheerend war die Aussage der Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine, die Euro Disney als „kulturelles Tschernobyl“ brandmarkte – was dem Park noch viele Jahre nachhängen sollte. (Mnouchkine selbst war im Übrigen eine Freundin des damaligen Euro Disney Präsidenten Bob Fitzpatrick, der sie erst kurz zuvor nach Disneyland in Kalifornien eingeladen hatte.) Disneys Manager machten ebenfalls Fehler und traten in einer Reihe von Interviews ausgesprochen selbstherrlich auf. 

Die Kritik an Euro Disney war laut. Doch war sie nicht einzigartig und auch kein rein europäisches Phänomen: Wenige Jahre später sollte ein Kritiksturm die Pläne eines neuen Disney Themenparks in der Nähe von Washington D.C. – „Disney’s America“ – zu Fall bringen. Als sich nach der Eröffnung die wirtschaftlichen Probleme Euro Disneys schnell häuften, kam die Kritik allerdings wie ein Bumerang in der öffentlichen Wahrnehmung wieder zurück.

Ein neues Disneyland wird erschaffen

Der vorherrschende Optimismus für das Projekt floss derweil voll in die Planungen und den Bau des Euro Disney Resorts. Disney’s Imagineers nahmen sich begeistert der Aufgabe an, ein neues Disneyland zu schaffen, das gestalterische Mängel vorheriger Parks ausräumen und klassische Attraktionen auf ein noch höheres Niveau setzen würde. Sie zeigten sich auch der Herausforderungen bewusst, ein Magic Kingdom zu errichten, das an Details neben den umgebunden mittelalterlichen Dörfern, Schlössern, Kathedralen und natürlich Paris selbst bestehen musste. „Wir bauen ein Resort neben einer der kultiviertesten Städte der Welt“, stellte der Chef-Designer des Parks, Imagineer Tony Baxter, fest. „Und wir treten gegen die großartige Kunst und Architektur Europas an. Wir müssen etwas einzigartiges schaffen.“ Auch galt es auf die Erwartungen und kulturellen Hintergründe der europäischen Gäste einzugehen.

Ex-Imagineer Eddie Sotto, der in Paris für die Main Street, U.S.A. verantwortlich war, zeigt in seinem Tweet deutlich, mit welchem Level an Glanz und Verspieltheit Euro Disneyland mitzuhalten hatte.


Euro Disneyland übernahm das klassische Layout eines Magic Kingdoms, passte dies aber für Europa und eine neue Generation an: Main Street und Frontierland setzten die Imagineers direkt nebeneinander, um ein zusammenhängendes Amerika-Motiv zu schaffen. Erinnerte Frontierland in den USA eine Hommage an den alten Westen, in denen Huck Finn, Tom Sawyer und Davy Crockett zu Hause waren, ging es in Paris in den Wilden Westen, den die Europäer aus unzähligen Western mit solchen Ikonen wie John Wayne und Clint Eastwood kannten und liebten. Adventureland sollte die vor allem in Europa populären Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ beheimaten. Fantasyland gruppierte Märchen wie Peter Pan und Schneewittchen nach ihren Ursprungsländern. Aus Tomorrowland wurde Discoveryland. Statt den Blick auf die Zukunft zu werfen (aus der schnell Gegenwart und schließlich Vergangenheit wurde) wollten die Imagineers hier die Welt großer Visionäre erschaffen – darunter Europäern wie Leonardo da Vinci, H.G. Wells und Jules Verne.  Eine besondere Herausforderung stellte das Märchenschloss dar: Hatte man sich in Kalifornien, Florida und Tokio stark an europäischen Vorbildern wie Neuschwanstein oder den Schlössern entlang der Loire orientiert, musste für Euro Disney etwas einzigartiges geschaffen werden. Schließlich ließen sich die Imagineers von mittelalterlichen Illustrationen, der aufstrebenden Architektur Mont-Saint-Michels aber auch von Disneys Trickfilm „Dornröschen“ von 1959 für ihr Château de la Bella au Bois Dormant inspirieren.

Für die Hotels des Resorts sowie den Unterhaltungskomplex mit Restaurants und Geschäften – der 1992 als Festival Disney eröffnete und später in Disney Village umbenannt wurde – lud Disney renommierte Architekten ein. Mit jeweils mehreren tausenden Zimmern gehörte jedes einzelne Hotel zu den größten Europas der damaligen Zeit. Die Kosten für die Gestaltung und den Bau des Resorts stiegen und stiegen. Doch gleichzeitig wuchsen die Gewinnerwartungen der Analysten in die Höhe. Beides befeuerte sich gegenseitig. Disney war überzeugt von der Qualität seines Produkts und der Nachfrage. So schraubte man zum Beispiel die Zimmerpreise für die Hotels auch weiter nach oben. „Es war eine sich selbst fortsetzende Spiralbewegung, angetrieben durch Enthusiasmus und Optimismus“, wie es Michael Eisner später beschrieb. Die französische Wirtschaft boomte und der überraschende Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs 1989 versprachen plötzlich Millionen weiterer Besucher für das Resort. Disney war extrem zuversichtlich und verstärkte die Planungen für einen zweiten Themenpark – die Disney-MGM Studios Europe -, der spätestens 1996 eröffnen sollte.

Die Baustelle von Euro Disneyland mit dem halbfertigen Disneyland Hotel im Vordergrund
© Disney

Ein Werbefeldzug für Euro Disney 

Während das Resort außerhalb von Paris Gestalt annahm, begann Disney auf dem ganzen Kontinent sehr gekonnt über eine Vielzahl an Kanälen Werbung für Euro Disneyland zu machen: Auf Fernsehsendern in mehreren europäischen Ländern lief an den Wochenenden nun der „Disney Club“, ein Kinderprogramm, in dem neben Cartoons die jungen Moderatoren (in Deutschland unvergessen mit Antje, Stefan und Ralph) die Disney Parks in den USA vorstellten und Vorab-Blicke auf den brandneuen „eigenen“ Park in Europa erlaubten. Auf Disney-VHS Kassetten liefen  Werbefilme für Euro Disney, durch Europa zog eine Road Show und die ersten Disney Stores eröffneten. Sponsoren sprangen auf den Zug auf und Firmen wie Nestlé, Renault, Coca-Cola und Philips machten ebenfalls kräftig Werbung. In Deutschland bot der Quelle Versand verstärkt Disney Merchandise an und in den Juniortüten beziehungsweise Happy Meals bei McDonald’s fanden Kinder Disney-Spielzeug. Wie erfolgreiche diese riesige Werbekampagne war, lässt sich auch heute noch erahnen: der Begriff „Euro Disney“ ist selbst ein Vierteljahrhundert nachdem das Resort 1994 in „Disneyland Paris“ umbenannt wurde, weit verbreitet. 

Europa war im Frühjahr 1992 bereit für die Eröffnung von Euro Disneyland. Der Park war fertig, die Hotels bezugsbereit und über 12.000 Cast Member waren in ihren Posten ausgebildet worden.

Am 12. April 1992 öffnete schließlich Euro Disneyland seine Tore.

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