Über den Tellerrand geblickt: Coyote vs. ACME Review

Für Filmfans hatte das Kinojahr 2026 schon einiges parat: „The Mandalorian & Grogu“, „Masters of the Universe“, „Supergirl“, „Die Odyssee“ und „Spider-Man: Brand New Day“, und das ist nur ein Teil der großen, kostspieligen Produktionen. Gegen Jahresende gesellen sich weitere Schwergewichte hinzu, darunter „Die Tribute von Panem: Sunrise on the Reaping“, „Dune: Part Three“ und „Avengers: Doomsday“. Auch im Animationsbereich gab es mit „Der Super Mario Galaxy Film“, „Minions & Monsters“ und „Toy Story 5“ bereits Highlights. Und auch hier wartet mit Titeln wie „Forgotten Island“, „Wildwood“, „The Cat in the Hat“ oder „Wie Verhext“ noch einiges auf uns.

Wer mich kennt, kann sich vermutlich schon denken, welcher Film mich in diesem Kinojahr am stärksten neugierig gemacht hat: Es ist eindeutig „Coyote vs. ACME“. Animationsfilme und -serien haben bei mir seit jeher einen festen Platz. Neben den Figuren aus dem Disney-Universum faszinieren mich seit meiner Kindheit vor allem die Charaktere von Warner Bros., allen voran die Looney Tunes. Sobald Realfilm und Animation zusammentreffen, bin ich sofort an Bord. Deshalb zählt „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ für mich bis heute zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.

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© Ketchup Entertainment

In dem Film von 1988 begegnen sich sogenannte „Toons“, was seitdem die gängige Bezeichnung für Cartoonfiguren ist, und Menschen. Produziert wurde er von Touchstone, einem Disney-Label. Bemerkenswert ist zudem, dass Figuren aus ganz unterschiedlichen Studio-Universen gemeinsam auftreten: Neben zahlreichen Disney-Charakteren sind viele bekannte Looney-Tunes-Stars zu sehen. Unvergesslich sind etwa der musikalische Schlagabtausch von Donald Duck und Daffy Duck oder der Fallschirmsprung mit Micky Maus und Bugs Bunny. Darüber hinaus haben auch Klassiker anderer Studios ihren Auftritt, darunter die Fleischer Studios (z. B. Betty Boop), Universal/Walter Lantz (Woody Woodpecker), Terrytoons (Heckle und Jeckle) sowie MGM.

Warner Bros. hat dieses Mischfilm-Prinzip in mehreren Produktionen weitergeführt: In „Space Jam“ (1996), „Looney Tunes: Back in Action“ (2003) und „Space Jam: A New Legacy“ (2021) agieren die Looney Tunes jeweils an der Seite realer Darsteller. Disney griff die Idee ebenfalls erneut auf und brachte 2022 mit „Chip und Chap: Die Ritter des Rechts“ einen weiteren Meta-Film heraus, der, ähnlich wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, damit spielt, dass Cartoonfiguren mit Menschen zusammenleben und als Schauspieler ihre bekannten Rollen verkörpern.

Allerdings erwies sich „Space Jam: A New Legacy“ für Warner Bros. als Misserfolg. Die reinen Produktionskosten werden auf etwa 150 Millionen US-Dollar geschätzt; zusätzliche Marketingausgaben sind dabei noch nicht berücksichtigt. Weltweit spielte der Film insgesamt nur rund 163,7 Millionen US-Dollar ein, davon etwa 70,6 Millionen in den USA und Kanada.

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Jetzt kommen wir endlich zu „Coyote vs. ACME“. Dass der Film, der am 17. September 2026 offiziell in Deutschland startete, am Ende tatsächlich in den Kinos gelandet ist, grenzt beinahe an ein Wunder, denn zeitweise stand die Veröffentlichung auf der Kippe. Grundlage des Projekts war ein satirischer Text von Ian Frazier, der im Februar 1990 im New Yorker unter dem Titel „Coyote v. Acme“ erschien. Der Beitrag ist wie ein juristisches Eröffnungsplädoyer aufgebaut: Wile E. Coyote verklagt darin die ACME Company wegen Produkthaftung und grober Fahrlässigkeit. Aufgelistet werden zahlreiche angeblich mangelhafte ACME-Gadgets (etwa Raketen-Schlitten/-Skates, Sprengstoff oder Feder-Schuhe), die ihm bei der Jagd auf den Road Runner immer wieder schwere Unfälle einbrocken. Für diese fordert er nun rund 38,75 Mio. US-Dollar Schadensersatz.

Der satirische Text diente schließlich als Grundlage für den Film: Der Realfilm-Animations-Hybrid wurde im August 2018 bei Warner Bros. Pictures angestoßen, zunächst mit Chris McKay als Produzent sowie Jon und Josh Silberman als Drehbuchautoren. Ende 2019 übernahm Dave Green die Regie. Später wurde das Projekt kreativ neu ausgerichtet: McKay stieg aus, und das Skript wurde von Samy Burch, Jeremy Slater und James Gunn überarbeitet. Für den Produktionszeitraum Ende 2022/Anfang 2023 wurden zahlreiche klassische Looney-Tunes-Figuren bestätigt (u. a. Foghorn Leghorn, Granny, Sylvester und Tweety, Bugs Bunny, Daffy Duck, Elmer Fudd, Yosemite Sam und Schweinchen Dick). John Cena wurde im Februar 2022 als Antagonist verpflichtet; einen Monat später kamen Will Forte und Lana Condor zum Ensemble hinzu (Forte als Anwalt von Wile E.).

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John Cena spielt Buddy Crane, den Rechtsvertreter der Firma ACME | © Ketchup Entertainment

Die Hauptdreharbeiten fanden von März bis Mai 2022 in Albuquerque (New Mexico) statt. Die visuellen Effekte und die Computeranimationen, darunter die Animationen Wile E. Coyotes, entstanden bei DNEG. Regisseur Dave Green beschreibt die Zusammenarbeit von 3D-Animatoren und 2D-Künstlern, die mit gezeichneten Posen und Mimik als Vorlage arbeiteten. Cutter Carsten Kurpanek nennt das Verfahren „Sketchviz“: Schwarz-Weiß-Skizzen von Schlüsselposen wurden über den Rohschnitt gelegt und später als Referenz für VFX und Animation genutzt. Zusätzliche klassische Animationsarbeiten übernahm u. a. Duncan Studio; einzelne Figuren/Shots wurden vollständig in 2D umgesetzt.

Der Kinostart war ursprünglich für den 21. Juli 2023 angesetzt, wurde dann jedoch zugunsten von „Barbie“ verschoben. Am 9. November 2023 berichteten Medien, der Film werde möglicherweise gar nicht regulär im Kino ausgewertet, sondern im Zuge der Umstrukturierungen bei Warner Bros. Discovery für eine Steuerabschreibung von rund 30 Millionen US-Dollar herangezogen. Dass das schwache Abschneiden von „Space Jam: A New Legacy“ dabei eine Rolle spielte, kann ich nur vermuten. Nur wenige Tage später, am 13. November 2023, hieß es jedoch, Warner Bros. Discovery habe nach heftigem Protest von Fans und Branchenvertreter*innen umgesteuert und den Filmschaffenden erlaubt, das Projekt zum Kauf anzubieten.

Als Interessenten wurden unter anderem Netflix, Apple Studios und Amazon MGM Studios genannt. Am 8. Dezember meldete Deadline Hollywood zudem, der Film sei weiteren Parteien wie Paramount Pictures und Sony Pictures vorgeführt worden. Netflix und Paramount sollen daraufhin Angebote abgegeben haben, wobei Paramount auch eine Kinoauswertung in Aussicht stellte. Am 9. Februar 2024 wurde wiederum berichtet, Warner Bros. Discovery habe die Offerten von Netflix, Amazon und Paramount abgelehnt: Demnach habe der Konzern 75 bis 80 Millionen US-Dollar verlangt, eine Summe, die kein Verleiher zahlen wollte, weshalb Warner Bros. Discovery auch Gegenangebote ausschlug. Zwischenzeitlich stand erneut eine steuerliche Abschreibung im Raum.

Wie Deadline berichtete, übernahm Ketchup Entertainment am 19. März 2025 die weltweiten Rechte für rund 50 Millionen US-Dollar und stellte einen weltweiten Kinostart für 2026 in Aussicht. In den USA kam der Film schließlich am 28. August 2026 in die Kinos, nachdem er bereits am 25. Juli auf der San Diego Comic-Con gezeigt worden war. „Coyote vs. ACME“ ist dabei nicht der erste Warner-Bros.-Titel, den Ketchup Entertainment veröffentlichte: Zuvor hatte sich das Unternehmen bereits die nordamerikanischen Vertriebsrechte an dem Animationsfilm „Ein klebriges Abenteuer: Daffy Duck und Schweinchen Dick retten den Planeten“ gesichert.

Die fiktive Firma ACME, die zusammen mit Wile E. Coyote dem Film ihren Namen gibt, ist in zahllosen Warner-Bros.-Cartoons präsent, besonders in den Road-Runner-Kurzfilmen rund um den Kojoten. Auch in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ spielt ACME eine Rolle: Dort tritt sogar Firmenchef Marvin Acme (Stubby Kaye) auf, der im Film zum Mordopfer wird und dessen Tod zunächst Roger Rabbit angelastet wird. Im „Tiny Toons“-Universum wiederum besuchen die Nachwuchs-Toons die ACME Looniversity, eine Schule für Cartoonfiguren. Und in „Looney Tunes: Back in Action“ steht ACME ebenfalls im Mittelpunkt. Hier wird der Konzern von Mr. Chairman (Steve Martin) geleitet.

Der Film knüpft an die bereits erwähnte Grundidee des Artikels von 1990 an: Nach unzähligen fehlgeschlagenen Versuchen, den Road Runner mithilfe von ACME-Produkten zu erwischen, hat Wile E. Coyote endgültig genug. In seinen Augen vereitelt jedes einzelne Erzeugnis der ACME Corporation die Jagd eher, als dass es sie erleichtert. Also entschließt sich der Kojote, den Konzern wegen mangelhafter Ware zu verklagen. Dafür heuert er den ebenso erfolglosen wie chronisch klammen Anwalt Kevin Avery an, der ACME vor Gericht zur Verantwortung ziehen soll. Im Zuge der Ermittlungen wird zunehmend klar, dass hinter den fehlerhaften Produkten mehr steckt, als zunächst vermutet.

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© Ketchup Entertainment

Kevin Avery arbeitet als Partner in der Kanzlei „Avery, Jones, and Maltese“, ein Name, der natürlich ganz bewusst gewählt ist. Dahinter steckt eine Verneigung vor den legendären Looney-Tunes-Machern Tex Avery, Chuck Jones und Michael Maltese. Solche Anspielungen und Referenzen lassen sich im Film immer wieder entdecken.

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Auch hier existieren Cartoonfiguren und Menschen ganz selbstverständlich in derselben Welt, nur ohne den früheren Meta-Kniff, dass die Toons als Darsteller ihre eigenen Rollen spielen. Stattdessen erzählt der Film mit viel Herz von der ewigen Fehde zwischen Wile E. Coyote und dem Road Runner, die dadurch eine neue, zusätzliche Ebene erhält.

Laut Hollywood Reporter spielte der neue Looney-Tunes-Realfilm-Animationsmix am ersten US-Kinowochenende 15,4 Millionen Dollar ein. Damit landete „Coyote vs. ACME“ auf Rang 2 der Charts – direkt hinter dem Dauerrenner „Spider-Man: Brand New Day“. Der starke Rotten-Tomatoes-Start wirkt wie ein versöhnliches Ende für das lange wackelnde Looney-Tunes-Projekt. Für den Indie-Verleih Ketchup Entertainment bedeutet der Film zugleich den erfolgreichsten Kinostart der Unternehmensgeschichte.

Ich hoffe, dass der Film auch in den kommenden Wochen erfolgreich bleibt und in Deutschland noch weiter zulegt. Vielleicht erkennt Warner Bros. dann, dass die Abschreibungspolitik am Ende auch nach hinten losgehen kann. Kurz gesagt: Geht ins Kino, es lohnt sich.

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