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  • Endlich gibt es die zweite Ausgabe der Artikelreihe. Heute mit einem ungewöhnlichen, aber aktuellem Thema.
    Dass dieses Jahr ein äußerst politisches Jahr ist, müsste jedem aufgefallen sein, der die letzten Monate nicht auf einer einsamen Insel verbracht hat. Die Deutschen überlegen, wie sie mit der sich weiter aufspaltenden Gesellschaft umgehen sollen, die Briten, wieviel EU sie wollen und die Amerikaner, wie ein reicher, selbstgefälliger Klotz zum Präsidentschaftskandidaten werden konnte. Auch die Disney Company - sonst einer geradezu auffälligen Zurückhaltung verpflichtet - kam in einem solchen Jahr nicht umhin, in politischem Zusammenhang in die Schlagzeilen zu geraten. So drohte sie im März dem US-Bundesstaat Georgia damit, dort keine Filme mehr zu produzieren, wenn der Gouvernor nicht ein LGBT-feindliches Gesetz verhindern würde.

    Was war passiert: Georgia wirbt seit einigen Jahren geradezu aggressiv darum, Filmproduktionsfirmen in den Südosten der USA zu holen, um dort Arbeitsplätze zu schaffen und Steuergelder da zu lassen. Dafür bietet die Regierung den Firmen Konditionen an, bei denen diese kaum neinsagen können, wie etwa die Möglichkeit, die millionenschweren Gagen der Hauptdarsteller von der Steuer abzusetzen. Nicht ohne Erfolg: Allein die Produktion von Marvels letztem Blockbuster "Ant-Man" brachte dem Staat 106 Millionen Dollar ein und beschäftigte 3579 seiner Einwohner.
    Georgia ist allerdings auch Teil des sogenannten "Bible belts" im Süden der USA, wo eine breite religiös-konservative Fraktion, die zunehmende Liberalisierung der Bürgerrechte von Washington aus mit ebenso zunehmender Ablehung betrachtet. So wurde ein Gesetzesvorschlag ins Parlament eingebracht, der Personen und Vereinigungen die Möglichkeit einräumen soll, potenzielle Kunden abzulehen, wenn diese den Vorstellungen der Dienstleistungsanbieter widersprechen. Im Klartext heißt dies, dass Pastoren es ablehnen dürften, gleichgeschlechtliche Trauungen durchzuführen oder religiöse Wohnungsbaugenossenschaften, Appartements an nonkonforme Bewohner zu vermieten. Auch in Deutschland, wo katholische Kindergärten geschiedene ErzieherInnen feuern dürfen, ist soetwas nicht unbekannt.

    Für die Disney Company, die sich selbst als "inklusives Unternehmen" versteht, sind solche Zustände jedoch nicht hinnehmbar und so drohte sie dem Gouvernor von Georgia, Nathan Deal, damit, sämtliche Filmproduktionen, darunter die milliardenschweren Marvel-Verfilmungen, aus dem Staat abzuziehen, falls Deal das Gesetz nicht mit seinem Veto verhindern würde. Es ist nicht das erste Mal, dass Disney sich für seine homosexuellen Mitarbeiter einsetzt: Bereits vor 5 Jahren beteiligte sich das Unternehmen an der "It-gets-better"-Kampagne, die auf die Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam machen soll. In den 90er-Jahren produzierte man mit "Ellen" die erste Fernsehserie mit einer lesbischen Hauptfigur und aktuell zeigt "The Fosters" das Leben einer Patchwork-Familie mit zwei Müttern. Dass die jährlich in Disney World Florida stattfindenden "Gay Days" nicht "offiziell" anerkannt werden, liegt vermutlich ebenso wie das bisherige Fehlen einer homosexuellen Zeichentrickfigur an dem ökonomischen Kalkül, die eher konservativ geprägt "Familienkundschaft" nicht zu verprellen.

    Der Vorstoß gegen das Gesetz erwies sich jedoch als voller Erfolg: Zunächst schlossen sich andere Unterhaltungsbetriebe Disneys Boykottaufruf an; namentlich AMC Networks, Time Warner (Warner Bros., HBO, CNN), Viacom (Paramount, MTV, Nickelodeon), Starz, 21 Century Fox (20th Century Fox, Fox Searchlight), Lionsgate, Sony (Columbia/TriStar) und The Weinstein Company. Dazu kamen andere Firmen und Organisationen wie Intel oder die NFL. Und bereits Ende des Monats kündigte Gouvernor Deal tatsächlich an, das Gesetz zu stoppen.

    Bei aller Begeisterung über Disneys Engangement und ungeteilten Unterstützung der weltweiten LGBT-Community, muss man sich allerdings die Fragen gefallen lassen, warum einerseits die Politik zu entscheiden haben soll, welche Kunden ein Unternehmen bedient bzw. nicht bedient und warum andererseits Privatfirmen Politiker so sehr beeinflussen können, dass sie Gesetze durchbringen oder verhindern. Beides lässt sich mit den Grundsätzen von freier Wirtschaft und unabhängiger Politik nicht vereinbaren.

    So wird manchem Disney-Fan die Freude im Halse stecken bleiben, wenn er die zweite Meldung liest, die Disney in diesem Jahr in Zusammenhang mit der Politik brachte: Disney-Chef Bob Iger wandte sich mit einem Schreiben an alle Angestellten, in dem er sie aufforderte, DisneyPAC finanziell zu unterstützen. Das "Disney Political Action Comittee" ist nichts anderes als eine Lobby-Organisation die weltweit Politiker unterstützt, die sich für eine besonders "geschäftsfördende" Politk einsetzen. Der größte und bekannteste Erfolg solcher Agitation war sicherlich die Verlängerung des US-amerikanischen Urheberrechts, gerne als "Mickey Mouse Protection Act" verspottet. Dass der CEO nun seine Mitarbeiter darum bittet für solche Projekte Geld zu spenden, trägt den Spott schon geradezu in sich. Da nützt es auch nichts, dass Iger, selbst Hillary-Clinton-Anhänger, versichert, das gespendete Geld werde zu gleichen Teilen an Republikaner wie Demokraten verteilt.

    Historisch gesehen bewegt er sich damit aber treu auf der Firmenlinie. Schon Walt Disney höchstpersönlich war gesellschaftlich tolerant und fortschrittlich eingestellt - auch wenn einige Idioten meinen ihn immer als reaktionäres Schreckgespenst darstellen zu müssen (Dazu wird es bei passender Gelegenheit mal eine eigene Disneyfacts-Ausgabe geben) - tat sich aber sichtlich schwer damit, sich von außen in seine Geschäftspraktiken reinreden zu lassen; sei es in Form der Vereinnahmung des Studios durch das Militär im 2. Weltkrieg zur Produktion von Kriegspropagandafilmen oder von seinen Angestellten, die eine faire Bezahlung forderten. Der große Zeichner-Streik 1941 war sicherlich das einschneidenste Ereignis in der Firmengeschichte, infolge dessen Walt immer aggressiver für seine wirtschftlichen Belange eintrat und schließlich sogar in den 60er-Jahren den Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater offen unterstützte, der sich selbt als "Mr. Conservative" inszenierte. Es sei hierbei jedoch angemerkt, dass "conservative" in dessen Verständnis sich allein auf die Wirtschaftspolitik bezog, die eine sehr stark arbeitgeberfreundliche Wirtschaftsordnung mit minimaler Einmischung des Staates forderte, während Goldwater gesellschaftspolitisch liberale Positionen, wie die Erlaubnis von Abtreibung vertrat und sich später sogar zum LGBT-Aktivisten mauserte. In dieser Ausrichtung also gar nicht unähnlich zum jetzigen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump; eine Beziehung die vor kurzem den Autoren von ZEIT Online auffiel (Link 1; Link 2).

    Die jüngsten Ereignisse in Orlando zeigen wieder einmal, wie wichtig es immer noch ist, Position gegen jede Art von Diskriminierung zu beziehen. Ob dies unbedingt auf Unternehmensebene geschehen muss, ist diskutabel. Dass Disney arbeitspolitisch selbst noch nicht alles aufgearbeitet hat, manifestiert sich gerade in den aktuellen Prozessen über Gehaltsabsprachen, die demnächst an dieser Stelle thematisiert werden sollen.


    Hier die bisherigen Ausgaben der Disneyfacts:
    #1: Gehört Disney wirklich "alles"?

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